Rad Amerika 2026

Gesamtstrecke bis 17.7.2026

It's done, I arrived Fairbanks

Ein paar Gedanken vorher

Nach meiner erfolgreichen Radreise im Sommer 2022 durch die USA, vom Atlantik zum Pazifik, von New York nach Seattle habe ich zweimal versucht, diese Reise fortzusetzen und Alaska zu erreichen. 2023 in Seattle gestartet, habe ich im kanadischen Städtchen Hope aus mentalen Gründen abgebrochen und bin zurückgefahren nach Seattle. 2024 in Vancouver gestartet, habe ich wieder in Hope aufgegeben, aus den gleichen Gründen. Ich habe mir damals geschworen, dieses Kapitel ein für allemal zu beenden. Nicht zuletzt deswegen gäbe es jetzt viele Alternativen zur nüchternen Überschrift "Rad Amerika 2026", etwa der altbekannte Spruch:
Sag niemals nie
Denn in meinem tiefsten Inneren war das Gesamtpaket Amerika noch nicht abgeschlossen. Immer noch bin ich fasziniert von der Landschaft und der Natur der Länder, durch die die Reise führen sollte.
Passend wäre natürlich auch:
Man hat immer drei Versuche und daher: Einmal geht's noch
Und nachdem ich im Jänner dieses Jahres meinen 66. Geburtstag feiern konnte, passt auch ein Lied von Udo Jürgens:
Mit 66 Jahren - da fängt das Leben an!
Wer das Lied nicht kennt oder gerne hört:

Apropos Anfang - Am 11. Juni 2025 kann ich nach einem schweren Radunfall meinen zweiten Geburtstag feiern: Bei der Abfahrt vom "Göttweiger" in Paudorf bin ich von einer Autolenkerin übersehen worden, mit hoher Geschwindigkeit in das Auto gekracht, habe Kotflügel, Windschutzscheibe und noch ein paar Kleinigkeiten zerstört und bin auf der anderen Seite des Autos mit dem Kopf aufgeschlagen. Der Helm hat eine Kopfverletzung verhindert, aber ein gebrochener Wirbelbogen in der Halswirbelsäule, ein zerfranstes Ohrwaschl, Prellungen und blaue Flecken am ganzen Körper waren die Folge - und eine entsprechend lange Zeit für die Wiederherstellung. Dass mein Rad kaputt war, ergibt sich fast von selbst.
Und damit bin ich bei der nächsten passenden Überschrift:
Jetzt erst recht
Ich habe viel und erfolgreich an meiner Wiederherstellung gearbeitet. Das hat mich zwar ein wenig an das Aufsetzen eines neuen Betriebssystems auf einen alten Computer erinnert - ein wenig langsam bei der Hardware - aber danach läuft einiges sogar besser als vorher. Manches tut manchmal noch immer ein wenig weh, aber das ist wurscht. Ich habe mir ein neues Rad gekauft, das reisetaugliche "Checkpoint", ein Gravelbike von TREK. Dazugekommen ist dann noch passendes Equipment für Radreisen. Und im Spätherbst habe ich bei wiedrigsten Wetterbedingungen alles auf einer mehrtägigen Fahrt getestet - die Lust nach mehr ist wieder gewachsen. Schließlich ist mit dem Schmerzensgeld dann noch die Frage nach seiner "widmungsgemäßen" Verwendung aufgekommen: Damit wäre das Budget für eine sehr lange Radreise gedeckt ...
Jost Kobusch, ein Extrembergsteiger hat als eines seiner Erfolgsrezepte:
Scheitern ist ein Teil des Lernprozesses
... und wenn der Lernprozess sinnvoll sein soll, dann muss man nachher weitermachen. Rückschläge und Krisen zu überwinden macht einen nur stärker. Neugierig zu bleiben und weiter lernen zu wollen halten jung und verändern den Alltag, der sich (auch) in der Pension einzuschleichen droht.
Und außerdem ...
... habe ich viel nachgedacht über die Gründe meines Abbruchs, die ich damals schon beschrieben habe, und zu denen sich noch weitere gesellt haben, die mir erst nach und nach bewusst geworden sind:
Da ist etwa meine, ich glaube sogar unsere Abhängigkeit vom Handy: der Ärger und Frust, wenn da nichts geht, wenn der Empfang schlecht oder nicht vorhanden ist, die Angst, dass man dann ja nichts damit tun kann, dass man dann vielleicht einfach nur "Löcher in die Luft schauen" kann, die "Seele baumeln lassen" muss oder sich mit sich selbst beschäftigen müsste. Ich glaube, dass es eine Voraussetzung für diese Tour ist, das zu können. Und ich habe geübt ...
Da ist außerdem eine schlechte Vorbereitung des "How to" für mehrere Tage ohne Stützpunkt, für ein paar Hundert Kilometer ohne irgendwas. Anstelle eines klaren Konzepts, war da eher ein "wird schon irgendwie gehen", also das Nicht-Einhalten der eigenen Erfolgsrezepte, die ich im Rahmen der USA-Tour festgehalten habe. Ich habe viel recherchiert und nachgedacht in den letzten Monaten und Wochen, rein rational habe ich das jetzt im Griff ...
Da sind der Jetlag und einige Ernährungsfehler: Erdnüsse etwa bewirken einen schlechten Bauch, schlechter Bauch bewirkt Depressionen - ich esse seit Monaten keine Erdnüsse mehr, nehme Vitamin B, das gut für die Nerven ist und habe ein paar Mittelchen, die mir in den ersten Tagen helfen sollen, den Jetlag zu überwinden. Ich trinke außerdem weniger Kaffee - der damit verbundene Flüssigkeitsverlust ist schlecht für die Leistungsfähigkeit beim Sport.
Ein paar Tage vor und nach der Entscheidung zur Buchung der Flüge ist da viel Kribbeln im Bauch gewesen, insgesamt aber fühle ich mich mental stark. Ich habe (mit dem Alter und den nachlassenden Hormonen?) an Gelassenheit gewonnen. Die Aufbruchstimmung, die Vorbereitungen in den letzten Wochen tun mir richtig gut. Einige Trainingsfahrten und ein paar Arztbesuche bestätigen mir einen guten körperlichen Zustand. Und ich komme diesmal nicht erst in Hope drauf, dass das halt kein Spaziergang wird - ich weiß jetzt schon, dass ich mich manchmal schinden werde.
Ich werde noch weitere Trainingsfahrten machen, wichtige soziale Kontakte pflegen und am 3. Juni in den Flieger nach Vancouver einsteigen. Nach 41 teilweise sehr einsamen Tagen und etwa 3500 Kilometern mit hoffentlich nur harmlosen Bärenkontakten sollte Fairbanks in Alaska erreicht sein. Der Rückflug von dort nach Wien ist schon gebucht. Er nimmt nicht zuletzt wegen der Zeitverschiebung zwei Tage in Anspruch, den 16. und 17. Juli.

3. Juni 2026, Flug nach Vancouver

Tagwache ist heute um 5:30, ohne Frühstück geht's mit Sylvia per Auto zum Flughafen. Abgesehen davon, dass wir beim Aussteigen kurz in der Abschleppzone stehen, läuft alles wie am Schnürchen: Während Sylvia einen besseren Parkplatz findet, kann ich den Radkarton mit meiner gesamten Ausrüstung (abgesehen vom Handgepäck) einchecken. Es ist noch Zeit für ein gemeinsames kleines Frühstück, aber dann geht's an die Verabschiedung und reibungslos durch den Security-Check. Den CheckIn habe ich gestern schon erledigt. Start nach und Landung in Zürich sind pünktlich, sodass mir nach Finden des Gates Richtung Vancouver noch viel Zeit für eine Jause und ein erstes Relaxen bleibt.
Der Langstreckenflug bietet viel Zeit: Einige Sudokus lösen, Bordverpflegung genießen, Tagebuch schreiben, einen Film schauen, den Stand auf der Flugroute checken und viel fadisieren - dann ist Vancouver erreicht. Die Passkontrolle ist rasch erledigt und das Rad schnell gefunden - allerdings mit ziemlich lädiertem Karton. Ein Taxi bringt mich zum gebuchten Motel in Richmont, das ich schon aus 2024 kenne.
Dort stelle ich mit Freude fest, dass das Rad keinen Schaden hat, und baue es in aller Ruhe zusammen. Dann gibt's Essen in der Umgebung, ein wenig recherchieren und ziemlich schnell geht es nach einem um neun Stunden verlängerten Tag ins Bett.

Beim Flug nach Vancouver (etwa 10 Stunden) bleibt auch wieder Zeit zum Reflektieren der letzten Wochen und Tage:
Vieles läuft schon gewohnt: Die Beschaffung des ESTA für die USA (Alaska), des ETA für Kanada und das Ausfüllen der Einreiseformalitäten für Kanada mit der ArriveCan-App. Der Abschluss einer Reiseversicherung geht mit der Buchung über Ruefa. Das Rad erhält ein umfassendes Service bei TREK St. Pölten. Außerdem wird dort mein Rad fachmännisch und gratis (danke dafür!) für den Flug zerlegt, daheim kommt es in einen Karton von bikeflip. Der Rest der im Wesentlichen gleichen Ausrüstung wie bisher wird als Füllmaterial und damit als Schutz gegen Stöße verwendet. Nur die Elektronik und ein paar weitere Kleinigkeiten kommen in den neuen, etwas kleineren Rucksack als Handgepäck.

In den letzten Tagen habe ich noch ein paar kleine Wehwechen zu behandeln, und ich beobachte mit Freude, dass ich noch nie so entspannt vor der Abreise war. Nur ein Schnupfen verunsichert mich doch ein wenig - aber meiner Erfahrung nach vergeht der (ohne Behandlung in 7 Tagen, mit Behandlung in einer Woche :-)). Und auch die Wettervorschau in British Columbien ist nicht prickelnd, aber die kann in ein paar Tagen ganz anders sein.
Die Packordnung wird sich angesichts der neuen, gleichmäßiger am Rad verteilten Gepäcktaschen von Tailfin etwas verändern, das wird aber im Laufe der Tour wachsen.
Nach wohltuenden sozialen Kontakten und mit guten Wünschen verabschiedet, habe ich mich heute auf den Weg gemacht. Ich bedanke mich aufrichtig und innig bei meiner Frau Sylvia für ihre Unterstützung in allen Belangen, für das Verständnis und für die Motivation, wenn manchmal Zweifel in mir aufgekommen sind.
Ich freue mich auf die Weite des Horizonts, die vielfältige Landschaft, die spannende Tierwelt, auf die einsamen Tage weitab von der Zivilisation, wo auch mein geistiger Horizont wieder wachsen kann.

4. Juni 2026, ein guter Start

Die dargestellte Route ist zu kurz - ich bin in Abbotsford (19 km weiter östlich) im Wyndham Motel, habe aber beim Starbucks vergessen, den Tracker wieder einzuschalten :-(
Tag 01: 91 km, 320 hm, maximale Höhe 106 m
Gesamtstrecke: 91 km, 320 hm, 1 Tag

Die erste Nachthälfte war einfach schlecht: totmüde, aber der Biorhythmus erlaubt mir kaum, zu schlafen. Das Wissen, dass das eben so ist, ist ein wenig entspannend. Und ich nütze die Zeit sinnvoll zum Kauf einer eSim für Kanada, sie funktioniert seit 2:00 Uhr, hat unbeschränkt Daten und ausreichend Talk und SMS. Eine eSim hat den Vorteil, dass man in keinen Shop muss, alles geht einfach übers Internet. Meine alte SIM-Karte aus 2024 hat sich nicht mehr aktivieren lassen, was natürlich auch zur Schlaflosigkeit beigetragen hat. Ab 2:00 hab ich dann gut geschlafen, bin aber um 6:00 wieder wach.
Ich nutze die "senile Bettflucht" für die Planung der heutigen Route, das Herstellen einer vernünftigen Packordnung und geh dann ins Cafe nebenan um ein kräftiges Frühstück. Die Kellnerin ist noch die gleiche wie 2024. Schnell kaufe ich mir ein paar Kleinigkeiten, entsorge in Absprache mit dem Rezeptionisten meine Radbox und packe fertig. Ich stelle fest, dass der Schnupfen besser wird, dass die Wetterprognose gut ist und dass ich (daher) entspannter werde.
Von Google maps gelotst fahre ich auf Straßen, Radwegen und Radstreifen aus der Stadt, genieße noch einen Blick auf die Downtown von Vancouver und genieße die Bewegung, die nach dem lähmenden Flugtag gut tut.
Zur Abwechslung lasse ich mich einige Kilometer über einen Trail führen, irgenwann aber ist der (aus Hochwassergründen) closed und ich muss Umdrehen und was Besseres finden. Mal auf der Straße, dann wieder auf einer wunderschönen Radroute durch parkähnliches Gebiet finden die ersten 71 Kilometer bei einem Starbucks ein Ende. Es gibt Kaffee und Bananenkuchen.
Kurze Zeit später bin ich beim gestern gebuchten, aus 2024 bekannten Wyndham Motel in Abbotsford. Es wird geduscht, einige Handgriffe werden erledigt, ein Motel in Hope wird gebucht (das Windsor Motel aus 2024 gibt es nicht mehr) und dann gehe ich wie 2024 in das Abbey Road Taphouse um Fish and Chips (und ein leichtes Bier). Als abschließende Arbeit fülle ich noch das mitgebrachte Reifendichtmittel ein, damit das System für die nächsten Wochen gut funktioniert.
Ein erfolgreicher, angenehmer Tag geht mit dem Schreiben und Hochladen des Tagebuchs zu Ende. Das Rad fährt sich sehr gut, es ist natürlich durch die Beladung schwerer und anders zu behandeln als sonst, aber es läuft traumhaft und die Gewichtsverteilung ist gelungen.
Ich wünsche mir, dass jeder der noch folgenden 40 Tage so gut wie heute verläuft. Guten Morgen Heimat.

5. Juni 2026, Tag 2, nass nach Hope

Tag 02: 90 km, 130 hm, maximale Höhe 69 m
Gesamtstrecke: 181 km, 389 hm, 2 Tage

Ich habe die letzte Nacht wesentlich besser und vor allem lang geschlafen: Um 20:00 übermannt mich die Müdigkeit und es geht bis 5:30 durch, zwar mit einigen Unterbrechungen aber einfach herrlich.
Ich beschließe, dass für die 90 Kilometer bis Hope keine Verpflegung notwendig ist (Energieriegel für den Notfall habe ich dabei), überlege ein wenig die Strecke der nächsten Tage, die Versorgungs- und Nächtigungsmöglichkeiten, damit ich meine Emotionen möglichst gut im Griff habe. Nur nicht zu weit nach vor schauen - das habe ich schon daheim gemacht! Das Frühstück im Motel ist nicht toll, aber ausreichend für den Tag.
Ich starte um 8:00 bei starker Bewölkung, die noch vom Regen in der Nacht da ist. Vor 14:00 möchte ich in Hope sein, denn für dann ist dort kräftiger Regen angekündigt. Als Route schlägt GoogleMaps mir die gleiche wie 2024 vor, aber auch eine etwas kürzere Alternative. Meine Wahl fällt auf sie.
Die Startbedingungen erfordern Beinlinge, die Regenjacke und das Stirnband unter dem Helm. Bald kommt das Helmcover dazu, die kurze Regenhose und auch die Regenschuhe sind bald am Mann. Fast 50 Kilometer sind durch Regen zu fahren. Bei einem DriveThru bei Wendy's besorge ich schnell einen Wrap - entweder für den Notfall oder für ein kleines Lunch nach der Ankunft in Hope.
Die letzten 20 Kilometer verlaufen wieder auf der bekannten Strecke. Die Rest-Area, auf der ich mich 2024 mit einem alten Motorradfahrer unterhalten habe, lädt auch nicht zum Verweilen ein, also entscheide ich mich für das Durchfahren. Schon um 12:30 ist daher das gebuchte Park Motel erreicht. Eine heiße Dusche dort tut nach der nasskalten Fahrt richtig gut.
Kurz scheint zwar am frühen Nachmittag die Sonne, ich bin aber während meines Lunchs und der "Büroarbeiten" richtig froh, dass ich die Wetterprognose ernst genommen habe. Während es in Strömen regnet, buche ich das nächste Motel - schon VOR Lytton, wo ich damals bei der Quartiersuche gescheitert bin und auch dieses Mal wieder nichts finde. Eine ungleiche Aufteilung der nächsten beiden Tage erscheint mir beim derzeitigen emotionalen Stand sinnvoller, als ein "auf gut Glück und notfalls irgendwo campen". Noch bin ich nicht so weit. Ich muss es mir noch gut gehen lassen um reinzuwachsen in das Abenteuer. Die körperliche Leistungsfähigheit ist mir bewusst, aber über den Kopf bin ich mir noch nicht sicher. Der braucht Zeit zum Ankommen. Übermorgen werde ich Cache Creek anpeilen.
Am Abend besorge ich mir im ebenfalls schon bekannten Outdoor-Shop Festbrennstoff und sturmsichere Zünder für meinen Ofen, denn vorher hat ein Campieren sowieso keinen Sinn. Irgendwann kommt dann noch Oat-Meal dazu. Der Brennstoff liegt daheim im Keller, durfte aber nicht im Flugzeug mitkommen. Und danch gibt's Dinner in Rolly's Restaurant - dort war vor 2 Jahren ein anderes Lokal, das mir wegen eines Stromausfalls nur kaltes Essen und Limonade bieten konnte - heute gibt es Souvlaki und leichtes "local beer".
Hope hat gewonnen in den letzten beiden Jahren! Und morgen Früh (oder heute Nacht) gewinne ich!

6. Juni 2026, Tag 3, Hope ist hinter mir!

Tag 03: 72 km, 792 hm, maximale Höhe 306 m
Gesamtstrecke: 253 km, 1181 hm, 3 Tage, daher: 84 km/d
Offene Strecke: will ich noch nicht wissen, Besenstrich für Besenstrich nähert man sich dem Gesamtziel :-)

Gestern habe ich nach dem Essen noch einen Abendspaziergang gemacht. Zum ersten Foto muss man wissen, dass Hope Drehort für irgendeinen Stallone-Film war. Dann sieht man mein Quartier, das letzte Foto ist schon vom heutigen Start.

Ich habe wieder ein wenig besser gesschlafen, fast schon Pflicht in Hope ist aber das Aufkommen von Zweifeln um 3:00. Und natürlich recherchiere ich wieder in der Nacht - diesmal aber nicht wegen eines vorzeitigen Heimflugs, sondern die Tage bis Prince George, in denen die Stützpunkte noch dicht liegen. Und im Notfall haben sie dort einen Flughafen ... Ein mögliches Ausstiegssszenario ist so wie bei mancher Bergwanderung immer beruhigend, auch dann, wenn man nicht vor hat, es zu nutzen. Und ich habe damit schon mal ein mittelfristiges Ziel.
Wäre ich aufs Zelt angewiesen, dann würde ich heute wieder das Umdrehen überlegen oder zumindest einen Tag aussetzen, denn das Wetter ist wieder regnerisch und kalt angekündigt, der Schnupfen wird von einem leichtem Husten abgelöst. Die Reservierung aber ist beruhigend und ich starte um 8:50 nach einem guten Frühstück im "Blue Moose" wieder mit der Regenkleidung, allerdings bei einem Wetter, das etwas besser ist, als angekündigt.
Am Start ergibt sich noch ein nettes Gespräch mit anderen Gästen über meine Tour und das Wetter. Fast beruhigend meint der Mann, dass es sowieso heitßt: "westcoast is wetcoast" - es ist also Zeit, hinter den Mountains zu verschwinden, die den Pazifik abschirmen.
Die Strecke führt bei etwa 13 Grad, manchmal Regen, manchmal Sonne durch eine "Tiroler Gebirgslandschaft", auch einige Tunnels sind dabei. Manchmal muss ich davor einen Knopf drücken, dann blinken die gelben Lichter über der Tunneleinfahrt. "Cyclists must push button to warn of presence in tunnel" steht da auf einem großen Schild davor. Die ersten Eindrücke der Landschaft gehen schon unterwegs per Signal-Chat an Sylvia, die mir liebe Grüße von den beiden älteren Enkelinnen schickt.
Ohne echte Pause bin ich um 13:00 am Ziel, dem gestern gebuchten "The Mighty Fraser Motel". Im "Fat Jack's" daneben gibt's gleich das lange überfällige Lunch, einen Burger. Der Nachmittag vergeht mit einer Recherche der Stützpunkte bis ans Gesamtziel, die noch einige positive Ergebnisse liefert. Die Zuversicht, mein Ziel tatsächlich erreichen zu können, wächst dadurch ganz deutlich. Ich muss nur manchmal sehr lange Strecken bewältigen, morgen steht ein erster Test bevor, ich habe in Cache Creek reserviert.
Das Abendessen wäre im "Alpine Canyon Restaurant", einen Kilometer Fußmarsch daneben eingeplant. Am zugehörigen RV-Park sagt man mir aber, dass die Eintragung falsch ist, das Restaurant, in dem ich auch das Frühstück morgen geplant hätte, gibt es nicht mehr. Die Dame aber ist hilfsbereit und bietet mir an, ein Frühstück und ein Lunch zu machen, denn auch in Spences Bridge werde ich nichts finden! Vermutlich liegt das an den dortigen Waldbränden in 2024 während unserer Wohnmobiltour.
Zum Abendessen muss also auch das "Fat Jack's" herhalten. Passt so. Das Wetter ist für morgen trocken angesagt, und auch der Wind kommt voraussichtlich aus der richtigen Richtung. Gut für 120 Kilometer und viele Höhenmeter. Guten Morgen daheim.

7. Juni 2026, Tag 4, viele Bergwertungen

Tag 04: 122 km, 1160 hm, maximale Höhe 489 m
Gesamtstrecke: 375 km, 2341 hm, 4 Tage, daher: 94 km/d

Die letzte Nacht bin ich nur mehr sehr kurz um 3:00 wach geworden, der Biorythmus fordert noch immer seinen Tribut, aber ich glaube, ich habs bald. Von 21:00 bis 6:00 schlafen mit kurzen Unterbrechungen sollte reichen :-).
Zu Fuß gehe ich um das versprochene Frühstück und das Lunch, esse "daheim" und stelle wieder die Abfahrbereitschaft her. Wieder ist es "cold and cloudy" bei der Abfahrt um 8:20. Dieses Mal sind sogar die Ärmlinge unter der Regenjacke notwendig. Zum Ausgleich gibt es kräftigen Wind von hinten, der den ganzen Tag so bleibt - manchmal spüre ich sogar bergauf seinen Schub.
Entsprechend der Höhenmeter wechselt schweißtreibendes Bergauf mit schnellem Bergab. Zu Beginn zeigt sich der Tag als verkehrsarmer Sonntag, die Sonntagsruhe ist hierzulande aber offensichtlich kein Gesetz, denn bald gesellen sich wieder die Trucks dazu und auf den Baustellen wird sogar gearbeitet. Die Landschaft ist bis Lytton wie gestern, die Spuren aus den Waldbränden in 2022 und 2024 sind deutlich sichtbar. Von Vancouver bis Lytton bin ich eigentlich dem Fraser River gefolgt, jetzt wechsle ich ins Tal des Thompson River. Damit verändert sich auch die Landschaft: Es bleibt bergig, der Bewuchs erinnert aber eher an die Sahara als an Tirol.
Ich bin stolz darauf, dass ich schon am vierten Tag die Fahrt mit großer Ruhe angehe, ich muss nicht schnell sein und darf für das eine oder ander Foto sogar anhalten. Die Kleidung wird nach und nach reduziert, am Ende bin ich im Sommer-Outfit.
Um 12:10 ist Spences Bridge erreicht und entgegen der gestrigen Information hat das "The Packing House" geöffnet. Mein mitgebrachtes Lunch esse ich vor der Tür, dann aber gibt es dort Kaffee und Bananenbrot.
Der nächste Stopp ist in Ashcroft, dort habe ich gestern den einzigen Bankomaten auf der Strecke gefunden, an dem ich mir schnell noch ein wenig Bargeld hole. Ich glaube zwar nicht, dass ich auch nur einen Cent davon brauche, aber man kann ja nie wissen. Standard ist hier, dass man alles mit dem Telephon oder der Karte zahlt.
Um 15:10 bin ich im Sandman Inn in Cache Creek, buche nach einem Blick auf die Wettervorschau und im Vertrauen auf meinen mentalen Zustand Quartier für morgen und übermorgen, überlege die Möglichkeiten zur Nahrungsaufnahme an diesen Tagen und kümmere mich schließlich um das Schreiben und Abendessen. Im Sandman Inn gibt es ein einfaches griechisches Lokal mit blondem Koch und einer Kellnerin von den First Nations hier. Das Bier stammt aus den USA, aber die Musik passt zu meinem Souvlaki.
Optimistisch stimmt mich eine erste Analyse meines Zustands: Der Kopf ist auf Angriff, die Muskulatur wie am ersten Tag und den kleinen roten Fleck am Popo, der den vielen Bergwertungen geschuldet ist, den krieg ich mit meiner täglich geschmierten Baby-Popo-Creme Lasepton ganz sicher in den Griff. Und übrigens habe ich die angekündigten Schlaf- und Beruhigungsmittel gar nicht erst ins Reisegepäck gegeben, es läuft also alles unplugged, ohne Netz und doppeltem Boden :-).

8. Juni 2026, Tag 5, immer höher rauf

Tag 05: 113 km, 953 hm, maximale Höhe 1205 m, 22 km/h (Schnitt über die Zeit, in der sich die Räder drehen)
Gesamtstrecke: 488 km, 3546 hm, 5 Tage, daher: 98 km/d

Der Jetlag scheint überwunden zu sein. In der vergangenen Nacht musste ich nur mehr aus den gewohnten Gründen aufstehen, die mein Urologe als "altersgemäß" bezeichnet. Auch die Lasepton-Salbe hat ihren Auftrag zu meiner Zufriedenheit erledigt, nach der heutigen Ankunft muss die Behandlung allerdings sofort wiederholt werden.
Auf der Tankstelle gegenüber vom Motel bin ich um 7:00 der erste Frühstücksgast, bestellt wird das "hungry man breakfast", damit ist der Bedarf bis zum Ziel fast gedeckt.
Einpacken und Vorbereiten des Starts sind schon Routine, alles hat seinen Platz. Um 8:40 geht es los, es ist sonnig und frisch, die Windjacke sollte reichen. Der Wind kommt wieder wie versprochen den ganzen Tag von hinten. Die Asphaltqualität ist streckenweise belastend für Popo und Bandscheiben, aber ich habe schon schlimmeres erlebt. Vor allem wirken sich die breiteren, nicht so knallhart aufgepumpten Reifen und die Geometrie des Rads dämpfend auf die Schläge aus.
Auf der Karte hat alles sehr flach ausgeschaut, tatsächlich aber geht es zwar immer wieder bergab, insgesamt aber kontinuierlich weiter rauf. Nach 30 Kilometern stehe ich auf einem Pass in 870 m Seehöhe. Dass ich schließlich auf über 1200 rauf muss, ist mir (glücklicherweise) zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Ein bisserl fühlt sich wieder alles wie Tirol an.

Natürlich geht es danach rasant berhab, durchgefroren erreiche ich Clinton. Dort steht vor einem Lokal in großen Lettern: "cozy and warm" - Es gibt heißen Kaffee und Torte. Ich will mich schon wärmer anziehen, da sagt mir die Kellnerin, dass es nach 100 Mile House noch zweimal bergauf geht, die erste Etappe ist die stärkste und beginnt ziemlich bald.
Ich schwitze also nochmal kräftig, ein Großteil der restlichen Strecke verläuft dafür über eine wunderschöne Hochebene. Dort liegt auch 70 Mile House, ein Dorf mit 5 Häusern. Ein Stopp beim dortigen Store bringt nochmals heißen Kaffee.

Ein wenig beginnt sich die Hochebene zu ziehen, die letzten 7 oder 8 Kilometer nach 100 Mile House erledigt aber die Schwerkraft :-). Um 14:50 bin ich am Ziel, auf etwa 900 m Seehöhe und darf mir im Motel meiner Wahl sogar einen Raum aussuchen, in dem ich mein Rad optimal unterbringe. Bemerkenswert ist, wie man hier die Handtücher gestaltet.
Das übliche Prozedere (Duschen, Planen, Lichter laden, Fotos sichern, ...) ist schnell erledigt, ein kleiner Rundgang zeigt, dass er aus optischen Gründen nicht notwendig gewesen wäre, die Ortsbilder hier sind nicht vergleichbar mit europäischen. Aber ich finde dabei ein Lokal fürs morgige Frühstück und das heutige Abendessen. Von außen schauen auch die nicht einladend aus, drinnen aber sind sehr viele Lokale immer gemütlich. Gute Musik in angenehmer Lautstärke hebt dabei die Stimmung. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Leute hier mehr in die tägliche Lebensqualität als in die Schönheiten investieren. Das gilt auch für die Kleidung. So, wie viele Männer hier angezogen sind, das würde bei unseren Frauen nie durchgehen :-). Und das alles gilt nach meinen Erfahrungen in einem Großteil von Nordamerika. Auch das Essen beschränkt sich zumindest in Kanada nicht mehr nur auf Fastfood. Und die Preise dafür sind sehr in Ordnung.

In "Jake's Pub and Grill" sitze ich jetzt und schreibe. Wie bei jeder bisherigen Kommunikation freue ich mich auch hier wieder darüber, dass ich mit Duolingo brav Englisch gelernt habe. Ich kann gute, informative und auch witzige Gespräche führen. Das tut gut. Und am Accent erkennen die Leute sofort, dass sie ein bisserl weniger Dialekt sprechen müssen.

9. Juni 2026, Tag 6, 90 Kilometer Regen

Tag 06: 92 km, 215 hm, maximale Höhe 967 m, 24 km/h (Schnitt über die Zeit, in der sich die Räder drehen)
Gesamtstrecke: 580 km, 3761 hm, 6 Tage, daher: 97 km/d, 626 hm/d

Die Nacht war gut, abgesehen von der Raumtemperatur - die Heizung lässt sich (wahrscheinlich absichtlich) nicht in Betrieb nehmen. Auf dem Weg zum Früstück bei Smitty's werden wie immer die ersten Überlegungen zur Kleidung gemacht. Die Wahl fällt leider wieder auf Regenkleidung, das volle Programm, auch die Regenschuhe. Dazu kommt ein 2. Unterleiberl, weil es kalt ist.
Um 8:40 geht es los. Es regnet den ganzen Tag, mal weniger, mal mehr bis viel. Dank der relativ flachen Strecke - insgesamt geht es bergab - ist es aber nicht so scheußlich, wie erwartet. Das Wissen um ein trockenes Quartier am Nachmittag nimmt Streß. Außerdem gehe ich es mit aller Ruhe an, einfach altersgemäß ;-). Möglichst wenig schwitzen unter der Regenkleidung ist angesagt. Und schnelles Treten führt durch die doch etwas einengende Regenkleidung zu mehr Abrieb am Hintern, der allerdings durch den heute leichteren Rucksack entlastet ist. Dort ist nämlich immer die Regenkleidung drin...
Nicht überraschend, aber ein Lichtblick bei dem Wetter ist, dass ich am "Cariboo Highway", auf dem ich den heutigen Tag verbringe auch wirklich Cariboos sehe, direkt auf der anderen Straßenseite. Die beiden Bisons waren zu weit weg für die Kamera.
Noch bin ich in für amerikanische Verhältnisse ziemlich dicht besiedeltem Gebiet, aber über die Tagesverpflegung sollte schon vorher nachgedacht werden, wenn nur mehr alle 30 bis 50 Kilometer ein Store, eine Tankstelle oder ein Cafe zu finden ist. Ich nehme daher alles, was es heute gibt (nach gestrigem Check): Nach 35 Kilometern Kaffee und ein kleines Schälchen Rice Pudding, und 15 Kilometer vor dem Ziel in Williams Lake eine Pizzaschnitte. Konsumiert wird im Stehen - da kann das Wasser besser abrinnen von meiner Kleidung ;-).
Die letzten 10 Kilometer sind von Starkregen begleitet, glücklicherweise verlaufen sie bergab (Durch eine Fehlbedienung meiner GoPro gibt es davon zufällig ein Video, dessen Bearbeitung aber erst daheim erfolgt). Um 13:40 ist der Check-In in der Slumber Lodge erledigt. Diesmal liegt das Zimmer im ersten Stock und ist über eine Außentreppe zu erreichen. Das Rad kommt wie üblich trotzdem mit.
Eine heiße Dusche und das Trockenlegen der Ausrüstung haben heute oberste Priorität. Mein Zustand und der Verlauf des nächsten Streckenabschnitts lassen mich schnell ein Zimmer in Quesnel buchen und dann beginnen wieder ein wenig Recherche und der gemütliche Teil des Tages
Trotz des Sch...wetters gibt's wieder einige Fotos. Für einen vollständigen Eindruck des Tages sind aber neben dem Sehsinn noch weitere Sinne notwendig: Da ist der Tastsinn, der es fühlt, wie der Regen ins Gesicht spritzt und das Wasser langsam von unten in die Schuhe eindringt, wenn die Gischt ins Gesicht spritzt und dabei der feine Sand zwischen den Zähnen knirscht, wenn man von einem Truck überholt wird. Da ist der Gleichgewichtssinn, der dabei zusätzlich gefordert ist, weil der Luftdruck und das Spritzwasser einem aus der Bahn werfen. Und da ist der Gehörsinn, der heute durch starken Verkehr und das Prasseln des Regens zum Einsatz kommt.
Und wenn man dann am Abend im Trockenen sitzt bei einem guten Essen und einem kühlen Bier, dann war das alles super. Es macht zumindest zufrieden, es geschafft zu haben.
Zufrieden bin ich auch mit meiner Ausrüstung: Jacke, Hose und Helmcover sind absolut dicht, das Shirt darunter war am Ende vollkommen trocken. Auch die Packtaschen sind absolut dicht - und wackeln übrigens kein bisschen. Das Handy funktioniert auch bei diesem Wetter absolut einwandfrei zum Navigieren. Die Gopro am Lenker ist eine echte Outdoor-Kamera. Und die Sonnenbrille ist als Regenbrille einsetzbar, weil die Tönung des Glases sich mit der Intensität der Sonnenstrahlung verändert. Nur die Füße werden nass, durch die unvermeidbaren Öffnungen an der Unterseite für die Clips dringt irgendwann das Wasser ein. Aber durch die Ausführung aus Neopren bleiben die Füße wenigstens warm.
An den 6 Tagen, die ich bis jetzt gefahren bin, war übrigens nur EINER ohne Regen - der erste, wahrscheinlich zur Motivation. Mit schlampiger Interpretation der Wahrscheinlichkeit sollte es damit jetzt endlich besser werden :-).

10. Juni 2026, Tag 7, ein guter Tag

Tag 07: 120 km, 668 hm, maximale Höhe 863 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 700 km, 4429 hm, 7 Tage, daher: 100 km/d, 633 hm/d

Natürlich regnet es am Morgen noch immer, aber ein paar kleine blaue Flecken am Himmel, die ich auf dem Weg zum Frühstück entdecke, machen Hoffnung, dass die Wettervorhersage stimmt. Leider sagt sie auch Regen in Quesnel voraus, etwa um die Zeit meiner geschätzten Ankunft... Aber mein Material ist über Nacht wenigsten gut durchgetrocknet, also wieder einsatzbereit.
Frühstückslokal ist heute Denny's, eine mir seit 2022 bekannte Restaurant-Kette. Aus Tradition gibt es den "Lumberjack Slam", damit kann man schon ein Stückerl fahren. Schnell kaufe ich noch etwas Tages- und Notverpflegung und um 9:15 geht es mit warmer Kleidung los.
Gleich am Anfang führt eine kräftige Bergwertung aus Stadt, weiter am Cariboo-Highway. Die Landschaft liefert zunächst nix besonders neues, es bläst kalter Gegenwind.
Nach 44 Kilometern erfolt der erste geplante Zwischenstopp am McLeese Lake mit "Toilets, Coffee and Sandwich". Ein wenig kann ich dabei schon die Kleidung reduzieren, denn fallweise werfe ich schon einen ganz schwachen Schatten, aber es bleibt noch kühl bei 16 Grad.
Relativ bald danach erfolgt die Abfahrt ins Tal des Fraser River, ja schon wieder der gleiche. Der hat einen sehr eigenartigen Verlauf. Es wird wärmer dort unten, über die Minimalkleidung hinaus ist daher nur mehr die leichte Windjacke notwendig.
Relativ flach geht es weiter. Es gibt wie schon vorher recherchiert keine Stützpunkte mehr, aber die Gegend ist nicht einsam. Immer wieder finden sich Farmen oder Gruppen kleiner Häuser in Sichtweite. Der Verkehr ist vorhanden, aber relativ ruhig. Zusammen mit dem Wetter entspannt das. Das könnte übrigens genau so für die nächsten Wochen bleiben! Manchmal bummle ich sogar schon und mache Fotos, auf denen man die Straße nicht sieht - das heißt, dass ich extra dafür stehengeblieben bin. Man erkennt übrigens die Stopps am Track an den roten Marken, von denen es heute offensichtlich mehr als gestern gibt. Und ich freue mich über anerkennend grüßende Motorradfahrer bei einer kurzen Bergwertung (300 Umdrehungen ;-))
Zum Zeitvertreib bei langen Strecken ist heute die 12er-Reihe dran: Immer dann, wenn der Kilometerzähler ein Vielfaches von 12 zeigt, dann darf ich mich über weitere 10 Prozent der Tagesstrecke (120 km) freuen. Und ich kann über die "right lane" ein wenig philosophieren: Zu 99 Prozent ist sie vorhanden, trotzdem ist sie nicht immer meine Spur. Manchmal ist sie mir einfach zu eng, vor allem dann, wenn es rasant bergab geht. Und manchmal vermeide ich sie, weil dort sehr viel herumliegt: Steine, Glassplitter, Holzstücke, Autoteile, Abfall, tote Tiere, ...
Vor dem etwas heruntergekommenen RV-Park "The Alamo" pausiere ich, um meinen Apfel zu essen und den Hintern ein wenig zu entlasten. Der Betreiber plaudert ein wenig mit mir: 1994 hat er die Strecke, die ich bis jetzt gefahren bin in 3 Tagen erledigt, da war er gut in Form, aber heute spricht er nur mehr vom Radfahren ...
Die letzten Kilometer sind danach rasch erledigt, leicht fallend mit Rückenwind bis zum "Ramada by Wyndham Quesnel". Kurz nach 16:00 bin ich eingescheckt. Ohne lange zu überlegen buche ich ein diesmal etwas besseres Motel in Prince George für zwei Tage. Es wird dort einen Pausen- und Organisationstag geben. Und ich werde dort NICHT zum Flughafen fahren :-)
Natürlich spüre ich den Hintern ein wenig, aber es geht mir physisch und psychisch gut, und das sollte so bleiben! Ein Abendessen bei "Mr Mikes" liefert mal einen positiven Beitrag dazu :-).

11. Juni 2026, Tag 8, Geburtstag

Tag 08: 120 km, 812 hm, maximale Höhe 847 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 820 km, 5241 hm, 8 Tage, daher: 103 km/d, 655 hm/d

Die Schlafqualität ist ab heute kein Thema mehr, wenn es keins mehr wird :-). Ich genieße ein halbwegs gutes Frühstück im Motel, auf Porzellan und im Preis inbegriffen.
Bewölkt mit kleinen blauen Flecken präsentiert sich der Himmel, nur mit der leichten Windjacke als oberste Schicht geht es daher um 8:20 los. Am Anfang regnet es ganz leicht, das ist aber wurscht, weil es sowieso wieder mal gleich bergauf geht: Nach einer guten Stunde bin ich erst 15 Kilometer weiter, aber schon um 350 Meter höher.
Um 11:40 ist mit Hixon die erste Hälfte der Tagesstrecke abgespult. Dort liegt der einzig mögliche Stützpunkt für heute. In einer Gemischtwarenhandlung bediene ich mich bei den Hot dogs und den Kaffeebehältern, kann mich setzen und aufs Klo gehen. Ein Muffin kommt für einen weiteren Stopp noch in den Rucksack.
Eigentlich wollte ich ja weniger Kaffee trinken, in Nordamerika ist der aber einfach "immer und überall" und sowieso so leicht, dass man ihn wie Wasser trinken kann. Mir schmeckt er.
War die erste Tageshälfte von der Bergwertung am Anfang dominiert, so geht es nach der Pause zwar nochmal kräftig bergauf, dann aber in rascher Fahrt nach Prince George, nur unterbrochen durch eine Stehpause im Irgendwo zum Verzehr des Muffins. Am Ziel, dem "Sandman Signature", habe ich zwei Nächte gebucht. Um 15:20 bin ich eingecheckt. Das Zimmer liegt in floor 4, mein Rad darf (es gibt einen Lift) mit dorthin. Das ist nie ein Thema.
Meine Wahl fiel aus zwei Gründen auf dieses Hotel. Erstens liegt es sehr günstig, nämlich gleich nach der Abzweigung vom Cariboo Highway 97 auf den Highway 16, auf dem ich mich die nächsten Tage Richtung Nordwesten bewegen werde. Und zweitens darf es für den Pausentag mal was besseres sein - bis jetzt war ich sehr preisbewusst unterwegs.
In Anbetracht des guten Hotels kann man sich natürlich fragen, warum ich noch nicht im Zelt geschlafen habe und die Annehmlichkeiten der Zivilisation genieße. Die einfache Antwort: Weil es (noch) geht! Ich weiß, dass da noch andere Abschnitte kommen, ich werde aber immer optimieren. Vielleicht kann man auch anders vorgehen, nämlich sich von vornherein an bescheidenere Verhältnisse gewöhnen, zur schlechteren Wahl zwingen, um dann am Ende der mentalen und physischen Kräfte zu sein, wenn es wirklich notwendig ist. "Verwöhn dich nicht, was machst du dann, wenn's nicht anders geht", höre ich viele, vor allem meine Vorfahren sagen. Ganz einfach: "Dann geht's eben nicht anders". Und sollte ich am Ende der Reise feststellen, dass ich das Zelt unnötig mitgeschleppt habe, dann gibt es auch eine einfache Antwort darauf: "Möge mir nichts Schlimmeres passieren".

Nach der üblichen Versorgung von Mann und Material und einem schnellen Rundgang, um die Möglichkeiten für die morgigen Aufgabenstellungen zu checken, spüre ich zum ersten Mal Müdigkeit, vielleicht deswegen, weil ich sie im Bewusstsein des Pausentags auch zulasse.

Und bei einem guten Abendessen im Rockford Grill im Gebäude des Hotels bringe ich diese Zeilen "zu Papier". Ein paar Gedanken zu meinem zweiten Geburtstag dürfen dabei nicht fehlen. Genau heute vor einem Jahr habe ich den Radunfall in Paudorf gehabt. Den ganzen Tag habe ich natürlich versucht, mich durch die Bilder davon in meinem Kopf nicht von der Fahrt ablenken und verunsichern zu lassen. Aber wir wissen alle, wie das mit den blauen Elefanten ist, an die man nicht denken soll, wenn man davon spricht :-).
Mehr als sonst ist mir heute bewusst, dass nichts im Leben selbstverständlich ist, dass es ein Geschenk des Lebens ist, dass ich diese Tage und Wochen das tun kann, was ich tue. Und schon den ganzen Tag feiere ich diesen Geburtstag, indem ich die Schönheiten der mich umgebenden Welt und einfach nur das Dasein genieße. Vielleicht gibt es daher auch weniger Fotos heute, weil ich das Wahrnehmen für wichtiger empfunden habe, als das Betätigen des Auslösers (Bei der GoPro geht das übrigens mit Sprachbefehl, damit ich die Hände nicht vom Lenker nehmen muss. Nur bei schnellem Fahrtwind oder großem Verkehrslärm versteht sie mich nicht - dann gibt es eben kein Foto, weil ich gerade dann die Hand NICHT vom Lenker nehme):

12. Juni 2026, Tag 9, Pausentag in Prince George

Tag 09: 0 km (ausgenomen Fahrt zum Radstore), 0 hm, maximale Höhe 574 m (Prince George), 0 km/h
Gesamtstrecke: 820 km, 5241 hm, 9 Tage(8 Fahrtage), daher: 91(103) km/d, 582(655) hm/d
Ich wage heute schon mal einen Blick nach vor:
Offen nach Fairbanks: 2561 km, 32 Tage. Ich habe also 24 Prozent der Gesamtstrecke in 22 Prozent der Zeit geschafft.

Während des Frühstücks im Haus nütze ich die Münz-Wäscherei. Es ist zwar noch nicht wirklich notwendig, aber es passt grad gut, weil ich Zeit habe. Und die nächste für mich sinnvolle Möglichkeit erwarte ich erst in Watson Lake. Bei dem kalten Wetter habe ich kaum geschwitzt und die Unterhosen werden in den wenigen Stunden auch nicht wirklich strapaziert. Am schlimmsten schaun die Handschuhe aus, da steht bei der Werbung immer dabei, dass es einen Bereich aus "nose-friendly material" gibt - die wissen, warum sie das so machen und ich hab's intensiv genutzt ;-)
Die übliche Morgentoilette wird heute um das Rasieren erweitert. Das verringert zwar den Luftwiderstand nicht wirklich, aber ich fühle mich frischer und um 10 Jahre jünger :-). Und beim anschließenden Video-Telefonat mit meiner Frau kann ich vielleicht ein wenig punkten :-).
Ein Hotel für morgen in Vanderhof ist rasch reserviert. Dann fahre ich zu "sportcheck", um meinem Rad ein Service zukommen zu lassen. Ich glaube, dass ich da so einen Diskonter erwischt habe, bei dem man sehr viel Ramsch kaufen kann. Der Mann am Serviceschalter freut sich zwar, von einem "Weitgereisten" einen Auftrag zu bekommen, macht mich aber leicht nervös, als er ohne Rücksicht auf die Speichen mein Fahrrad in einen Radständer(!) geben will. Das gibt es in keinem echten Radstore. Mein Zuruf verhindert das, meine Erklärung stößt auf Verständnis, aber ich bleibe unruhig. Der (eine halbe Stunde zu spät erscheinende) Servicetechniker scheint mir dann aber doch kompetent genug, dass ich ihm mein Rad überlasse. Bei der Abholung bekomme ich sogar noch ein paar gute Tips und einen guten Preis (etwa 9 Euro).
Die Wartezeit überbrücke ich bei McDonalds und mit Proviantbeschaffung. "Daheim" wird auch die restliche Ausrüstung gepflegt und ein wenig die Packordnung verändert. Ich plane alle Stützpunkte bis Watson-Lake, reserviere die ersten paar und nehme per mail Kontakt mit dem Campingplatz in Kitwanga auf. Am Nachmittag kommt nach einer kleinen Mahlzeit etwas Müdigkeit und ein kleines bisserl Langeweile auf. "Radio Wien" über Internet hebt mit guter Nachtmusik die Stimmung.
Gestern Abend war ich noch auf ein Guinness im Nachbarlokal, einem Brauhaus. Es entspricht aber nicht meinen Vorstellungen, also wähle ich für den heutigen Abend nochmal das Rockford Grill im Haus. Die sind bei meinem Eintreffen aber grad am Zusperren, weil durch einen Stomausfall alle ihre Systeme "out of order" sind. Auch die Lokale in der Umgebung sind betroffen. Böse Erinnerungen an 2024 werden wach, denn damals war auch ein Stromausfall in Hope das "Tüpfelchen auf's I", das mich zum Umkehren gebracht hat. Dieses Mal aber esse ich zunächst mein Notproviant, werde vom Lokal angerufen mit der Versicherung, dass das Frühstück morgen geht und stelle bei einem Rundgang fest, dass alles wieder läuft und ich morgen vor der Abfahrt in den Geschäften der Umgebung oder am Weg auf den Tankstellen meinen Notproviant wieder auffüllen kann und MUSS, denn der nächste Stromausfall kann schon morgen wieder sein.
Es hilft zwar nur beschränkt, ist aber interessant, dass man sich im Internet einen Überblick über die Stromausfälle, die Ursachen und die voraussichtliche Dauer machen kann:
E-Werke Britisch Columbia
Im heutigen Fall um Prince George war ein Autounfall Schuld. Bei uns sind schon viele Erdkabel verlegt, damit ist eine solche Ursache schon unwahrscheinlich.

Fotomotive sind heute kaum zu finden, denn Prince George ist eine typisch amerikanische Stadt: Keine (historisch) interessanten Gebäude, praktisch nur Flachbauten, alles ist im Wachsen und geht großzügig in die Fläche - davon haben sie hier einfach genug. Ein Denken, das auf die Kleinräumigkeit Mitteleuropas aufbaut, ist hier im ganzen Land nicht sinnvoll anwendbar. Ein Blick aus dem Fenster des Hotels und ein Bild, das Maria mir zukommen hat lassen, passen sehr gut dazu. Die Bedeutung des Autos wird angesichts der Entfernungen und nur sehr selten vorhandener öffentlicher Verkehrsmittel auch klar.

13. Juni 2026, Tag 10, optimales Radwetter

Tag 10: 97 km, 582 hm, maximale Höhe 847 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 917 km, 5823 hm, 10 Tage(9 Fahrtage), daher: 92(102) km/d, 582(647) hm/d
Offen: 2466 km, 31 Tage
geschafft: 27 Prozent der Strecke in 24 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Beim ersten Blick aus dem Fenster präsentiert sich der Tag mit blauem Himmel, das motiviert. Frühstück ist (wegen Samstag) erst ab 8:00 möglich, ich bin dort der Erste und habe schon fast alles eingepackt, gedehnt und sogar eine Duolingo-Session hinter mir.
Endlich klicken um 9:15 wieder die Pedale und es geht raus aus der Langeweile der Stadt. Gleich am Anfang stelle ich fest, dass die Städte hier alle unten liegen: Bei der Ankunft geht es runter, und heute bin ich nach fünfeinhalb Kilometern schon wieder um 160 Meter höher. Der ganze Tag ist aber bei diesen Wetterbedingungen einfach zu meistern. Nur die frisch gewaschene Hose zwickt ein bisserl und hinterlässt bis zum Abend wieder ein kleines rotos Fleckerl am Popo. Anfang und Ende einer Bergwertung sind oft gut vorhersehbar: erst gibt es eine "chain up area", dann eine "chain off area". Ich spüre, dass mir der Pausentag gut getan hat.
Die Landschaft und die Vegetation erinnern mich den ganzen Tag an eine Mischung aus flachem Waldviertel und dem nördlichen Teil von Finnland. Der Tag verläuft mit einem angenehmen Wechsel zwischen leichtem up and down. Es geht nie zu steil bergauf, und bei den fallenden Teilen befriedigend schnell. Immer wieder sind Berge am Horizont sichtbar, ich nähere mich wieder an die Rockies an.
Nach 14 Kilometern besorge ich wie geplant ein wenig Notproviant an einer Tankstelle, bekomme aber nichts lange haltbares. Und um 11:50, ziemlich genau auf halber Tagesstrecke kaufe ich mir, auch wie geplant, ein 2. Frühstück in der "eatery".
Beim Reingehen spüre ich wieder einmal, dass auch Frauen Augen im Kopf haben, die sich dann ganz kurz den "nice legs" zuwenden. Und ein (männlicher) Gast fragt nach dem Woher und Wohin, nach meinem Alter und konstatiert mir "a good shape". Der Besuch des Lokals ist also nicht nur für das physische Wohlbefinden gut :-).
Irgendwo treffe ich noch auf einen anderen bepackten Radfahrer, der in die Gegenrichtung unterwegs ist und gerade einen Platten repariert. Er versichert mir, dass er alles im Griff hat und ich daher weiterfahren kann. Dann gibt's noch eine Pause für meinen mitgebrachten Apfel und um 15:00 bin ich im "North Country Inn" in Vanderhoof eingecheckt.
Schnell ist ein Quartier in Houston für Montag gebucht (für den morgigen Sonntag hab ich schon eins). Ich freue mich über eine bestätigende und informative Mail des "Kitwanga River RV Campgrounds" und schreibe ein paar Zeilen zurück. Die Organisation des Abschnitts bis Watson Lake ist von besonderer Bedeutung für mich, da es hier sehr wenige Stützpunkte gibt, aber sehr viel Strecke. Der Abschnitt war bei den mißlungenen Versuchen ein wesentlicher Angstgegner für mich. Jetzt halte ich mich an meine schon daheim erstellte Marschtabelle. Die Tagesziele kommen bei meinen Touren immer schon in den Kalender, bis jetzt aber nur ein bis zwei Tage im Vorhinein, dieses Mal schon bis Watson Lake. Und neu ist auch die Verwendung unterschiedlicher Farben: zunächst in Gelb zur Grobplanung, und nach Bestätigung des Quartiergebers in Grün für "freie Fahrt". Bis Kitwanga ist nur mehr ein Eintrag gelb, und der wechselt morgen (hoffentlich) auf grün. Dann müssen nur noch das Wetter passen und Körper und Psyche so bleiben, wie sie sind ...
Über ein gutes Abendessen, das ein wenig an die österreichische/deutsche Küche erinnert, freue ich mich im Restaurant nebenan, das zum Motel gehört. Der Ortsname "Vanderhoof" hängt mit einer niederländischen Geschichte zusammen. Bei einem kurzen Verdauungsspaziergang finde ich wieder kein Fotomotiv. Es ist noch sehr warm und eigentlich schon all die Tage lang hell am Abend. Das liegt sicher daran, dass ich schon weit im Norden bin. Zum Fertigschreiben des Tagebuchs setze ich mich nochmals ins Restaurant.

Die letzten Fotos sind von der Einfahrt in Vanderhoof - zur Darstellung eines typischen Ortsbilds.

14. Juni 2026, Tag 11, Sonntag, 1000er gefallen!

Tag 11: 129 km, 543 hm, maximale Höhe 791 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 1046 km, 6366 hm, 11 Tage(10 Fahrtage), daher: 95(105) km/d, 579(637) hm/d
Offen: 2338 km, 30 Tage, 78km/d
geschafft: 31 Prozent der Strecke in 27 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Meine Dehnungsübungen mache ich jetzt immer vor dem Frühstück, das hilft beim Aufwachen. Um 6:40 sitze ich im Lokal und habe ein Kraftfrühstück namens "German Farmer" vor mir. Nachdem es hier sehr viele deutsche Elemente gibt frage ich die Kellnerin, und ja: Das Lokal wurde 1984 von einem Deutschen gebaut, von damals stammt auch noch die Speisekarte. Jetzt ist mir auch das Abendessen klar: "Schnitzel".
Mit ein wenig Respekt vor der heute bevorstehenden Distanz klicken um 8:05 die Pedale, der Himmel ist blau und ich bin wieder im Sommerkleid ;-). Das Navi sagt: "Folgen sie für 128 km ...", also ist die heutige Orientierung einfach.
Heute ist die 13er-Reihe dran. Der Asphalt ist schlecht, und um den Popo zu schonen greife ich am Lenker fast den ganzen Tag lang unten an. Ein wenig Sorgen macht mir ein immer wiederkehrendes Hühnerauge auf einer Zehe, mehr aber irritiert mich ein Geräusch beim Treten. Nach 26 km (weils in die 13er passt) kontrolliere ich meinen Antrieb und stelle fest, dass die kleinen Zahnräder am Werfer verdreckt sind, das strapaziert die Kette unnötig und kostet Energie. Eigentlich hätte das beim Service in Prince George erledigt werden sollen, doch ein Ramschladen. Nach Reinigung und Aufbringen von "lube" ist das Geräusch weg, alles läuft rund, ich bin entspannt. Zu beobachten sind auch die Reifen - das Profil ist vor allem am Hinterreifen schon ein wenig mitgenommen.
Die Bilder vom Fraser Lake könnten auch von den Kärntner Seen stammen, bei genauem Hinschauen merkt man aber einen wesentlichen Unterschied: Die Ufer sind nicht verbaut.
Auf halber Strecke gibt es eine kleine Lunchpause bei einem von den First Nations betriebenen "Convenience Store". Ich kaufe mir dort ein paar Cookies, Kaffee und Wasser.
Der Rest der Tagesstrecke ist ziemlich einsam, führt lange durch weniger attraktive Landschaft, es kommt etwas Gegenwind auf und die Temperatur ist fast zu hoch für die Gegend. Schlechter Asphalt belastet Handgelenke, Hintern, die Bandscheiben und auch die Speichen.
Nach 102 km esse ich auf einer "rest area" meine Jause von gestern. Die Mahlzeiten unterwegs nehme ich meistens im Stehen ein, weil ich ja eh den ganzen Tag sitze :-)
Um 16:00 bin ich im Zimmer des Key-oh Hotels, ein ganz neues :-). Die heutige Strecke war gut zu meistern, das gibt Zuversicht für ähnlich große noch notwendige Abschnitte. Ich überlege wieder die nächsten Tage, buche und habe damit alles grün im Kalender bis Mittwoch. Die Vorschau verspricht dazu passendes Wetter.
Die Hose scheint wieder eingefahren zu sein, ich überlege mir, sie (auf der Tour) nicht mehr zu waschen. Das ist nämlich wie mit frischen Socken beim Bergwandern, die sind auch nicht gut. Und ich glaube, dass sich der Verschmutzungsgrad exponentiell an eine Sättigung nähert, die durch die dauernde Belüftung nicht unangenehm hoch liegt ;-).
Ein abendlicher Rundgang dient der Klärung, wo am besten Frühstück möglich ist, dem Einkaufen und schließlich einem Dinner. Dafür fällt meine heutige Wahl auf "The Office". Ich liebe diese Pubs. Auf den Bildschirmen läuft übrigens ganz selten irgendwas von der Fußball-WM.

15. Juni 2026, Tag 12, ein guter Montag

Tag 12: 81 km, 335 hm, maximale Höhe 868 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 1127 km, 6701 hm, 12 Tage(11 Fahrtage), daher: 94(102) km/d, 558(609) hm/d
Offen: 2257 km, 29 Tage, 78km/d
geschafft: 33 Prozent der Strecke in 29 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Heute bin ich etwas unmotiviert aufgewacht, ein schlechter Traum dürfte die Ursache dafür sein. Meine Dehnungsübungen und ein kräftiges Frühstück in der "eatery" gegenüber lassen aber den Kampfgeist wieder erwachen. Ich lasse mir Zeit, denn heute stehen "nur" 80 Kilometer auf dem Programm. Die haben die Ortschaften hier einfach nicht in einem gleichmäßigen Abstand voneinander gebaut :-).
Es ist angenehm bewölkt, im Laufe des Tages sind immer wieder ein paar Tropfen zu spüren, es reicht aber den ganzen Tag die leichte Windjacke als Oberbekleidung. Die Temperatur ist super.
Das Klicken höre ich um 8:40, kurz davor sagt das Navi ähnlich wie gestern: "Folgen Sie für 80 km ...". Und auf diesen 80 Kilometern liegt wieder kein Stützpunkt, aber wunderbare Landschaft.
Zunächst geht es wohltuend schnell, leicht fallend mit kurzen Anstiegen, von denen man einen nennenswerten Teil mit der kinetischen Energie der vorigen Abfahrt erledigen kann. Dazu kommt leichter Rückenwind.
Eine rassige Abfahrt vom 6-mile-hill gewährt extrem schöne Ausblicke. Während ich kurz im Stillstand diese Aussicht genieße erreicht mich ein Videotelefonat per Signal von ein paar Freunden. Die Technik ist einfach Wahnsinn, es funktioniert eine einwandfreie Videoverbindung von "Mitten in der Pampa in Kanada" und Österreich.
Nach etwa 52 Kilometern mache ich auf einer rest area wieder eine Apfelpause, danach dreht die Strecke ziemlich deutlich nach Südwesten, der bisherige Rückenwind wird damit zu einem teils ziemlich hartnäckigen Gegenwind.
Um 14:00 bin ich im Zimmer des "Pleasant Valley Motel" in Houston (BC, nicht Texas ;-)). Die Information für gute Lokale hole ich noch an der Rezeption ein, und während ich im Trockenen wieder meinen üblichen Versorgungs- und Planungsarbeiten nachgehe, regnet es draußen ziemlich stark.
Am Meziadin Junction, wo ich am Donnerstag ankommen sollte, gibt es ein paar ganz einfache Zimmerchen, die man nur telefonisch reservieren kann. Ich komme auf den Anrufbeantworter, hinterlasse meine Nachricht und glaube daran, dass ich dort was bekomme. Im Notfall gibt's dort zumindest Verpflegung und eine Nacht im Zelt. Ich buche also trotzdem fix für Freitag (19.6.) und Samstag. Die einzigen Möglichkeiten dafür sind zwar etwas teuer, aber einfach wichtig für das Weiterkommen. Und der Durchschnitt meiner Tagesausgaben bleibt trotzdem im gesteckten Rahmen.
Der Fußmarsch über etwa einen Kilometer zum Abendessen Bei "Mixers Bar" tut gut - es ist eine andere Art von Bewegung. Dabei erkundige ich auch wieder die Möglichkeiten für das morgige Frühstück. Das sollte wirklich zeitig sein, denn es ist wieder die 13er-Reihe auf der Tagesordnung und es geht zwar vermutlich fallend, aber der Wind ist nicht gut angesagt, und der wird im Laufe des Tages immer mehr.
Bei den Buchungen wird mir bewusst, dass die Wahl der Zeit für meine Reise nicht nur wegen des Wetters, der zunehmenden Tageslänge, der noch angenehmen Temperaturen und der schönen Vegetationszeit interessant ist, sondern auch deswegen, weil noch nicht Saison ist. Man sieht noch die Schulbusse fahren. Leider gilt das nicht für den notwendigen Stützpunkt in Dease Lake. Dort habe ich kein Quartier mehr gefunden. Ich bin dadurch zwar etwas verunsichert, habe die Stützpunkte davor aber trotzdem gebucht, denn Verpflegung in Dease Lake ist sicher und es sollten ein paar Campingmöglichkeiten existieren.
Zur Statistik am Anfang des Tages muss ich (gerade als Mathematiker) vielleicht bemerken, dass die Aussagekraft des Durchschnitts, wenn man diesen Wert allein zur Beurteilung einer Situation (und das gilt nicht nur für den vorliegenden Fall) verwendet, sehr schwach ist. Ergänzend gehört mindestens ein Streuungsmaß dazu, in diesem Fall die Länge der minimalen und (viel wichtiger) der maximalen (notwendigen) Distanz - denn sie bestimmt, ob das Projekt möglich ist. Bei meinem Unternehmen liegt diese maximale Distanz bei etwa 150 km (mit schwerem Gepäck). Ich glaube an mich, ganz unerfahren bin ich ja nicht :-)

16. Juni 2026, Tag 13, lang, windig, schön

Tag 13: 130 km, 609 hm, maximale Höhe 837 m, 20 km/h
Gesamtstrecke: 1257 km, 7310 hm, 13 Tage(12 Fahrtage), daher: 97(105) km/d, 562(609) hm/d
Offen: 2127 km, 28 Tage, 76km/d
geschafft: 37 Prozent der Strecke in 32 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Für das Frühstück hole ich mir heute unmittelbar neben dem Motel vom "seven eleven", einer Tankstelle, die 24/7 geöffnet hat, ein paar Sandwiches, die ich an der Kasse toasten lassen kann. Was süßes ist auch dabei. Kaffee kann ich mir im Zimmer selbst machen.
Ein Anruf am Meziadin Junction ist wieder erfolglos, die Wettervorhersage geht so, abgesehen vom Wind. Ich mache noch eine Pflege des Antriebs (Reinigung und Schmierung von Kette und Zahnrädern), dann klicken um 8:15 wieder die Pedale. Die Götter des Windes und des Regens mögen mir gnädig sein. Es ist frisch, die Windjacke reicht aber wieder.
Wie gestern geht es weiter auf dem "Yellowhead Highway", und wie schon so oft am morgen erst mal bergauf: 300 Höhenmeter auf den ersten 13 Kilometern.
Irgendwann pfeif ich drauf, mich über den wirklich heftigen Wind zu ärgern, komme ich halt eine Stunde später ans Ziel, Besenstrich für Besenstrich, und irgendwann bist du dann dort ...
Ich erfreue mich an dem frischen Grün vor den schneebedeckten Bergen, spüre hin und wieder ein paar Tropfen Regen, manchmal scheint die Sonne warm auf den Rücken und ich genieße die Abfahrten, die halt durch den Gegenwind nicht ganz so schnell sind, aber sie sind ...
Nach etwa 5x13 Kilometern mache ich Pause beim McDonalds in Smithers, es gibt irgendein Meal, dazu coffee and lemonade. Ein Brownie geht auch noch, er kommt für später in den Rucksack.
Um 12:30 geht es weiter, ich genieße das Sein in dieser wunderschönen Landschaft, hinter jeder Kurve erwartet mich ein anderer Eindruck. Oft höre ich mich zu mir selber sagen: "Wow, ist es da schön!". Es wäre zu viel verlangt, jeden Eindruck fotographisch festzuhalten, manche sind halt exclusiv für mich.
Im Laufe des Nachmittags wird der Wind etwas besser, die 13er-Reihe wird fortgesetzt. Ich zwinge mich dann immer zum Absteigen, zur Zerstreuung und zur Entlastung des Sitzfleisches.
Bei 7x13 checke ich das bisherige Höhenprofil und schicke ein Bild mit Naturrosen exclusiv an meine liebe Frau.
Bei 8x13 wird vor einer holzverarbeitenden Anlage der Brownie verdrückt.
Bei 9x13 wird wieder das Höhenprofil betrachtet. Ich stelle fest, dass die Schwerkraft heute einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Wind geliefert hat.
Ausgenommen auf dem letzten 13er, dort gibt's nochmals einen kräftigen Gegenanstieg. Und einen ordentlichen Regenguss, der mich aber so knapp vor dem Ziel nicht mehr zum Anhalten bringt.
Bei 10x13 schalte ich das Navi ein, bei 10x13 und ein bisserl bin ich beim "The Outpost Motel" in New Hazelton.
Das Motel arbeitet mit einer "virtuellen Rezeption": Per Mail habe ich meine Zimmernummer bekommen und einen Code, den ich an der Tür eingeben muss, um reinzukommen. Um 16:30 bin ich im Zimmer.
Schnell buche ich in Jade City zu meiner eigenen Überraschung einen Bungalow mit Frühstück, bin bei einem weiteren Anruf am Meziadin Junction wieder erfolglos, bleibe aber zuversichtlich und werde morgen in Kitwanga fragen, ob die eh offen haben.
Zum Abendessen gehe ich ins "BC Eagle Restaurant", ein chinesisches Lokal, nicht fein, aber gut besucht und ok. Ich lasse mich auf die Gegebenheiten ein, werde immer entspannter und zuversichtlicher - ich glaube, dass ich im Unternehmen angekommen bin. Lang hat's diesmal gedauert. Hoffentlich bleibt's.
Morgen ist Kurzstrecke bis zum Campground in Kitwanga angesagt und eine noch detailiertere Organisation des nächsten Abschnitts, des ziemlich einsamen "Stewart-Cassier-Highways"

17. Juni 2026, Tag 14, Rasttag mit Kurzstrecke und Bären

Tag 14: 49 km, 222 hm, maximale Höhe 333 m, 20 km/h
Gesamtstrecke: 1306 km, 7532 hm, 14 Tage(13 Fahrtage), daher: 93(100) km/d, 538(579) hm/d
Offen: 2080 km, 27 Tage, 77km/d
geschafft: 39 Prozent der Strecke in 34 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Während des gestrigen Abendessens habe ich doch noch ein Quartier in Dease Lake gefunden. In der Nacht war eine Kopfwehtablette notwendig, wahrscheinlich war es gestern etwas zu kalt mit Helm allein. Am Morgen bin ich ein wenig unruhig wegen des noch ungeklärten Zustands am Meziadin Junction und der doch sehr langen Strecke bis dorthin. Ich kann aber telefonisch endlich jemanden erreichen, zwar nur an der Tankstelle, die Dame versichert mir aber, dass sie sicher Platz haben. Und sie haben ein Restaurant und ich kann genug zu essen bekommen ... und die Scheu vor dem Telefonieren ist jetzt auch weg.
Damit sind alle Stationen bis Jade City fixiert. Ich bin sehr beruhigt, jetzt muss ich nur mehr fahren, unabhängig vom Wetter ...
Für heute ist eine kurze Strecke und daher trödeln angesagt. Erst um 8:00 (zur Öffnungszeit) sitze ich beim Frühstück in "Zelda's Travelling Mug Cafe", ich darf dort Fotos machen.
Um 9:50 starte ich mit gemächlichem Tempo, mit Windjacke und Stirnband, damit es der Kopf wärmer hat, als gestern.
Nach 15 Kilometern sehe ich den ersten Bären am gegenüberliegenden Straßenrand, bin aber zu langsam mit dem Einschalten der Kamera - und in aller Ruhe stehen zu bleiben entspricht einfach nicht den Empfehlungen. Nach 23 Kilometern steht auf meiner Seite wieder einer, der haut aber ab, als er mich sieht. Vielleicht haben ihn meine blinkenden Lichter gestört. Es gibt also wieder ein paar Bilder, die nur in meinem Kopf existieren.
Die landschaftlichen Eindrücke sind wie gestern, das Wetter entwickelt sich Richtung schön.
Beim Tageskilometer 44 erfolgt der Wechsel vom "Yellowhead Highway 16", auf dem ich seit Prince George fahre, auf den "Cassier Highway 37", voraussichtlich für die nächsten 6 Tage. Dann habe ich Watson Lake erreicht und wieder einen Pausentag verdient.
Der Wind ist ab jetzt wieder im Rücken, um 12:40 bin ich eingecheckt am "Kitwanga River RV Campground", um 13:30 steht das Zelt fertig bereit zum Schlafen. Um 14:00 sind (fast) alle Vorräte aufgegessen - ich gehe einkaufen.
Dazu muss ich über das Gelände eines holzverarbeitenden Betriebs, am Ende läuft mir wieder ein Bär über den Weg - und ich bin wieder zu langsam mit der Kamera. Der Einkauf dient dem heutigen Abendessen (Thunfisch), dem morgigen Frühstück zusätzlich zu meinen Haferflocken und ein paar Mahlzeiten für unterwegs. Am Abend sollte ich wieder was kriegen. Am Campingplatz gibt's auf meine Nachfrage keine Bären, sodass ich mein Essen nicht extra verstauen muss. Ich bin schon neugierig auf die Nacht im Zelt und habe wieder ein wenig Respekt vor der Länge der morgigen Strecke.

Gestern hab ich übrigens erst zum zweiten Mal bar bezahlt, bei der Selbstbedienung an der "virtuellen Rezeption" für einen Schokoriegel. Sonst läuft hier alles über das Handy, auch der Campingplatz heute. Manchmal, bei den Motels, brauche ich die physische Karte, wenn ich nicht sowieso schon online bezahlt habe. In den Restaurants und Kaffees hat man beim Bezahlen die Möglichkeit, das Trinkgeld zu wählen, die Kellnerin schaut dabei dezent zur Seite, dann legt man das Telefon drauf, fertig.
Guten Morgen in die Heimat - ich geh heute früh schlafen.

18. Juni 2026, Tag 15, 154 km Natur, erste Schlüsselstelle geschafft

Tag 15: 154 km, 786 hm, maximale Höhe 413 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 1460 km, 8318 hm, 15 Tage(14 Fahrtage), daher: 97(104) km/d, 554(594) hm/d
Offen: 1927 km, 26 Tage, 74km/d
geschafft: 43 Prozent der Strecke in 37 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Gestern Abend bin ich noch eine Runde am Campingplatz gegangen, um wieder einmal die typisch amerikanischen Wohnwägen zu bewundern. Ich freue mich darüber, dass ich den Pavillon neben meinem Zelt für mich ganz allein habe, das ist gut beim Sitzen, Essen und Schreiben am Abend während ein paar Tropfen Regen fallen.

Heute ist um 5:30 Tagwache. Die Schlafqualität war überraschend gut, die neue Unterlage ist fast wie ein Bett, einzig die Heizung im Zelt lässt zu wünschen übrig - am Abend bin ich fast nackt in den Schlafsack, am Morgen habe ich Hose, Socken, Leiberl, Jacke und Regenjacke an. Resümee: Geht nochmal, wenn notwendig.
Das Zelt ist schnell abgebaut und verstaut. Ich mache mir Haferbrei auf meinem mit Festbrennstoff betriebenen Minikocher, dazu kommt ein Apfel und mangels Kaffee trinke ich Cola.
Um 7:40 sagt das Navi wie üblich: "Folgen Sie für 152 Kilometer ...". Es herrscht Traumwetter, aber es ist frisch - Stirnband und Windjacke sind wieder notwendig.
Das Rad ist heute etwas schwerer, da 2 Liter Wasser mehr im Gepäck sind und Proviant, das ganz sicher für einen Tag reicht. Eine Notration sollte auch immer eingerechnet werden.
Es beginnt bergauf, den ganzen Tag wechseln angenehme Steigungen mit raschen Flachstücken und leichten Abfahrten. Das Verkehrsaufkommen ist gering.
Heute zwinge ich mich etwa alle 10 Kilometer zum Anhalten. Beim 40er-Stopp kommt das Halstuch dazu, damit ich kein steifes Genick wegen des kalten Winds bekomme und ich stelle fest, das kein Mobilnetz mehr existiert. Das bleibt bis zum Abend.
Heute gibt es nur Landschaft, die ist wieder groß und naturbelassen. Immer wieder finden sich Wasserflächen neben der Straße fallweise wird der Blick auf ein Flüsschen frei und immer wieder Berge - schneebedeckt und mit allen Schattierungen von Grün.
Nach 67 Kilometern erwische ich endlich einen Bären der stillhält fürs Foto. Ich bleibe dafür sogar stehen, gestehe aber, dass ich mich beim Weiterfahren ein paarmal umgedreht habe. Mit einem Radfahrer können die angeblich locker mithalten.
Nach 77 Kilometern auf halber Strecke verdrücke ich schnell ein bisschen Brot und Cabanossi-ähnliche Würsteln im Stehen, denn die Gelsen versuchen mich zu fressen. Die sind auch bei jedem weiteren Stopp ein Thema.
Nach etwa 80 Kilometern dreht die Strecke etwas mehr nach Norden, damit komme ich endlich raus aus dem Westwind.
Bei 107 Kilometern überholt mich ein Auto, nimmt mein Tempo auf und der Beifahrer reicht mir während wir beide weiterfahren eine Flasche Wasser aus dem Seitenfenster. Einen Energy-Drink habe ich dankend abgelehnt. Auch von anderen Verkehrsteilnehmern erhalte ich heute oft anerkennende und aufmunternde Gesten.
Bei Kilometer 144 esse ich schnell (wegen der Gelsen) einen meiner mitgebrachten Energieriegel, einfach weil ich ihn habe und mir fad ist.
Kurz nach 16:00 erreiche ich den "Meziadin Junction", eine Tankstelle mit Schlafkabinen in einem kasernenartigen Bau und einem zugehörigen einfachen Restaurant. Die Wirtin hat mich schnell überzeugt: Für etwa 120 Euro erhalte ich ein Bett (Klo und Dusche am Gang), ein kräftiges Abendessen, ein kräftiges Frühstück und ein Lunchpaket zum Mitnehmen morgen. Am Zimmer bin ich um 16:30, zum Essen soll ich um 17:00 kommen. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Es gibt Eistee oder Limonade dazu. Ein paar andere Gäste sind auch da, Männer und Frauen, die vermutlich hier arbeiten und das Quartier offensichtlich nicht zum ersten Mal nutzen. Im Fernsehen läuft ein WM-Spiel, aber um 19:00 macht die Wirtin zu.
Um zu verstehen, was an einem solchen Tag (und schon Tage davor) im Kopf abläuft, denke man sich eine Radtour von Kirchberg nach Gmünd im Waldviertel, aber ohne Rabenstein, Hofstetten, ... St. Pölten ... Krems ... Zwettl. Einfach nur Kirchberg und dann Gmünd, dazwischen Wald. Und Kirchberg ist nur ein Campingplatz mit einem etwa einen Kilometer entfernten Geschäft und Gmünd eine Tankstelle mit ein paar Nebengebäuden; das alles nach einer Nacht im Zelt mit 66 Jahren. Die Baracke am Meziadin Junction wird dann zum 5-Sterne-Hotel :-).
Es gibt auch dort kein Mobilnetz, aber ein von den Unterkunftgebern betriebenes WLAN mit Internet, das spitze funktioniert - darum ist auch der heutige Bericht pünktlich online. Ich glaube, dass ich heute gut schlafe.

19. Juni 2026, Tag 16, weitere 90 km "just nature"

Tag 16: 93 km, 824 hm, maximale Höhe 636 m, 18 km/h
Gesamtstrecke: 1553 km, 9142 hm, 16 Tage(15 Fahrtage), daher: 97(104) km/d, 571(609) hm/d
Offen: 1835 km, 25 Tage, 73km/d
geschafft: 46 Prozent der Strecke in 39 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Beim guten Frühstück darf ich ein Foto vom Koch und seiner Küche machen und ich komme mit ein paar Motorradfahrern am Nachbartisch ins Gespräch. Sie fragen, ob ich Angst vor den Bären habe und nicken zustimmend bei meiner Antwort, dass wir nicht in ihr Beuteschema gehören und sie sich grundsätzlich Menschen gegenüber friedlich verhalten.
Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass ein wesentlicher Beitrag zu meiner Motivation, die Reise nochmal zu versuchen, der Vortrag zweier junger Frauen war, die - laut eigener Aussage ziemlich unerfahren mit langen Radreisen - von Kapstadt nach Wien geradelt sind. Sie haben sich vor Löwen nicht gefürchtet, warum sollte ich also Angst vor Bären haben. Eine wesentliche Aussage der beiden war übrigens auch, dass 95 Prozent der Menschen anständig sind, und die anderen haben sie nicht getroffen. Wahrscheinlich trifft das auch für Tiere zu. Beim Begriff "Wildtier" müssen wir nicht immer gleich an die Eigenschaft "wild" denken. Man sollte nicht hinter allem und jedem - vor allem auch bei Menschen - zunächst schlechte Absichten vermuten. Ich bin mit der Einstellung, zunächst hinter allem und jedem Positives zu vermuten in meinem Leben weit gekommen. Und wenn das naiv ist, dann ist es auch gut :-). Auf jeden Fall ist es eine wesentliche Voraussetzung für ein derartiges Unternehmen. Und vielen von uns würde sie, so wie mir, auch im täglichen Leben gut tun.

Um 8:30 geht's bei ganz leichtem Nieseln ans Treten, in der üblichen Kleidung, heute aber mit Ärmlingen unter der Windjacke. Es hat etwa 15 Grad und die Straße ist feucht. Ich versuche, mich wieder ungefähr an den 10er-Rhythmus zu halten und alle 10 Kilometer wenigstens kurz die Füße auf den Boden zu stellen, um mich in das Tempo einer Radreise zu zwingen, anstelle in das einer sportlichen Ausfahrt. Wenn man jeden Tag, noch dazu mit Gepäck fährt, dann ist das zielführender.
Wie schon so oft beginnt die Fahrt auch heute wieder bergauf, um 9:40, also nach einer guten Stunde habe ich erst 13 Kilometer aber schon 360 Höhenmeter, der erste Pass mit 626 m ist erreicht.
Nach spätestens 20 Kilometern stelle ich fest, dass es heute noch ruhiger ist als gestern. Fallweise kommt die Sonne durch, die Vögel zwitschern, die Straße wird trocken. Und ich spüre, wie mich die Ruhe hier mitnimmt, wie sie auch in mir aufkommt.
Hilfreich zur Entspannung ist auch mein Nachdenken über den Reifenaufbau: Die Stabilität in Hinblick auf einen gefährlichen Reifenplatzer kommt nicht vom Profil, sondern vom Gewebe darunter - und solange das nicht angegriffen wird, ist ein glatterer Gummi zwar nicht so griffig, aber gut für den Rollwiderstand :-)
Nach 30 Kilometern quert ein Bär vor mir die Straße, diesmal schaffe ich es wieder nicht mit dem Fotoapparat. Nach 38 Kilometern freue ich mich, dass mir ein paar Vermesser im Vorbeifahren die Hand zum Abklatschen herhalten. Fast alle von ihnen tragen ein Moskitonetz übers Gesicht. Und bei jedem Anhalten weiß ich, warum: Die Gelsen setzen sich auf alles, was warm und in Ruhe ist. Mein Lunch nach etwa 54 Kilometern (wieder Würstel mit Brot) nehme ich daher beim Gehen(!) ein, damit die mich in Ruhe lassen. Ein paar Kilometer vorher grast wieder ein Bär friedlich im gegenüberliegenden Straßengraben und schenkt mir nur ganz kurz seine Aufmerksamkeit.
Irgendwann kommen noch die Ärmlinge und das Halstuch weg, weil es warm wird und 10 Kilometer vor dem Ziel esse ich den Rest von meinem Lunch, die letzten Bissen wegen der Gelsen schon beim Fahren.
Um 15:00 bin ich in einem traumhaften Zimmer in einem der Häuser der "Bell II Lodge". Im Winter kann man von hier aus vermutlich Heli-Skiing machen.
Um 16:00 ist meine ganze Schmutzwäsche in der Maschine, auch die Radhose ;-). Und um 17:00 hole ich mir vom Restaurant ein Dinner, das ich im Zimmer zu mir nehme. Bier dazu kann ich nur im Viererpack kaufen. Zwei davon trinke ich, die anderen verschenke ich, vielleicht an das italienische Radlerpaar, mit dem ich kurz gequatscht habe. Sie sind in Juneau (Alaska) gestartet, wollen nach Prince Rupert und mit dem Schiff nach Vancouver Island, anschließend nach Calgary. Morgen fahren sie also nach Süden, ich nach Norden. Quartier braucht hier jeder Radler.

Der übliche Ablauf nach Eintreffen im Quartier sieht etwa folgendermaßen aus: Duschen. Eine kleine Zwischenmahlzeit. Kleidung und Brille so versorgen, dass alles einsatzbereit für den nächsten Tag ist. Rad pflegen. Laden der Geräte (Blinklicher, elektrische Pumpe, GoPro, Handy, Laptop). Planen des nächsten Tages oder der nächsten Tage (Quartier, Streckenverlauf, Verpflegungsmöglichleiten mit Verwendung der daheim schon vorbereiteten elektronischen Unterlagen). Übertragen und Sichern aller Daten (Tracks, Fotos, Tagebuchnotizen) vom Telefon in die Dropbox und auf damit auf den Laptop. Das habe ich so eingestellt, dass es bei funktionierendem Internet ganz von selbst abläuft, während ich andere Dinge erledige. Übertragen der Fotos von der GoPro auf den Laptop und in die Dropbox. Sylvia sieht daheim ein paar Minuten später schon ALLE Originaldaten. Die Notizen fürs Tagebuch entstehen in Schlagwörtern den ganzen Tag am Handy. Anlegen der Karten und der Gesamtroute über "MyMaps" fürs Tagebuch. Entspannen. Schreiben des Tagebuchs und Auswählen der zugehörigen Fotos - meistens während des Abendessens und danach. Die Fotos auf der Website sind nicht bearbeitet, nur ein wenig geschnitten und komprimiert.
Mobilnetz gibt's noch immer keins. Für ein gutes Internet für meine beiden Geräte zahle ich heute etwa 12 Euro extra. Ich nütze es auch gleich zum Reservieren eines Zimmers für ZWEI Nächte in Nugget City in der Nähe von Watson Lake. Nugget City liegt direkt auf meinem Weg, nach Watson Lake muss ich nicht wirklich. Falls ich doch aus der Stadt was brauche, gibt es vielleicht ein Taxi.
Und die abschließenden Gedanken für heute: Wenn man solche Distanzen fährt, muss man lernen, Gegenwind zu akzeptieren - aber manchmal ist er schon ein Spielverderber, wenn es mal so richtig geil bergab ginge und der Wind die Geschwindigkeit von möglichen 50 auf 20 km/h reduziert.
Die Tagesstrecken ergeben sich eigentlich nie aus sportlichen Überlegungen oder dazu, einen Vorsprung für später herauszufahren. Es handelt sich einfach um die notwendigen Strecken, um von einem Quartier zum anderen zu kommen. Deswegen sind morgen wieder 140 Kilometer auf dem Programm. Und das intimere Detail zum Schluss: der Verbrauch von Lasepton ist rückläufig, die Haut am Hintern fühlt sich aber nicht nach Babypopo an, sondern eher wie die Hände eines Holzarbeiters :-).

20. Juni 2026, Tag 17, Half the way is done!

Tag 17: 142 km, 1091 hm, maximale Höhe 904 m, 19 km/h
Gesamtstrecke: 1695 km, 10233 hm, 17 Tage(16 Fahrtage), daher: 100(106) km/d, 602(640) hm/d
Offen: 1694 km, 24 Tage, 71km/d
geschafft: 50 Prozent der Strecke in 41 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Um 7:00 sitze ich als Erster beim Frühstücks-Buffet, das wie in einem guten österreichischen Hotel aussieht und schmeckt. Ich habe es gestern beim Einchecken vorbestellt und bezahlt. Und beim Rausgehen kaufe ich mir noch 2 Sandwiches für den Tag. Bis jetzt habe ich mir noch kein Telefonat mit der Familie zugetraut - aus Angst, dadurch Heimweh zu bekommen. Heute aber bin ich soweit - und es tut sehr gut, alle über Signal zu sehen, insbesondere natürlich meine Enkelkinder.
Um 8:25 macht es wieder das motivierende Klick unter den Schuhen. Es hat angenehme 17 Grad und der Himmel ist blau. Gleich zu Beginn geht es über die namensgebende Brücke - die 2. Brücke über den Bell-River. Die Fahrbahn ist ein Metallgitter - ich halte die Luft aus Angst um meine Reifen an.

Mit einem ziemlich konsequenten 10-er-Rhythmus bringe ich mich heute über die lange Distanz:
10 km: Ich stelle die Füße auf den Boden und bemerke, dass sich der Bewuchs etwas verändert hat.
20 km: Es ist 9:40, 230 Höhenmeter sind erledigt, ich genieße den sehr ruhigen Samstag. Immer wieder gibt es heute ermunterndes Hupen der Trucker, Grüßen der Motorradfahrer und Daumen hoch aus den Seitenfenstern.
30 km: Ich nehme mir vor, heute weniger Fotos zu machen und dafür noch mehr zu genießen - kann den Vorsatz aber nicht umsetzen.
40 km: Es ist 10:45, 330 Höhenmeter sind erledigt. Ich muss Dehnen, weil sich die linke Achilles-Sehne meldet. Wegen der steigenden Temperatur kommt das Stirnband weg.
50 km: Ich stelle fest, dass die GeoTracker-App seit Tagen nur mehr den roten Track auf grünem Hintergrund anzeigt. Normalerweise sieht man auch die Straßen und ein paar andere Details, das dürfte am fehlenden Mobilnetz liegen.
60 km: Es ist 11:50, 500 Höhenmeter sind geschafft.
70 km: Ein Sandwich wird verspeist, allerdings mit Haube und gehend wegen der Gelsen. Der zweite Sandwich bleibt für morgen.
76 km: Ich tausche mich kurz mit einem entgegenkommenden Radfahrer aus. Er lebt in Anchorage, fährt von Skagway nach Vancouver und erzählt mir von einer polnischen Radfahrerin, die etwa eine Stunde hinter ihm sein müsste.
80 km: Es ist 13:10, in der HTL ist Stundenwechsel ;-), 660 Höhenmeter liegen hinter mir.
86 km: Ich ziehe die Jacke aus auf einem Stück mit starker Steigung.
90 km: Die Inhalt der ersten Reserveflasche kommt in die Radflaschen. Ich bin auf einer nicht sehr attraktiven Hochebene angelangt, habe dadurch aber einen guten Blick auf die Weite des Landes und daraus resultierend ein großes Gefühl von Freiheit.
95 km: Ich treffe auf die Polin, die sich wundert, warum ich weiß, woher sie kommt. Ein kurzer, aus Sicht der großen Entfernung nachbarschaftlich herzlicher Austausch erfolgt.
100 km: Es ist 14:20, 900 Höhenmeter zeigt der GeoTracker.
110 km: Ein Muffin kommt vom Rucksack in den Magen, natürlich wieder während des Gehens und mit Haube.
120 km: Es ist 15:30, 990 Höhenmeter werden angezeigt. Eigentlich wollte ich nochmals dehnen, weil sich die Achilles-Sehne nochmal gemeldet hat. Durch bewusst runde Tretbewegungen hab ich es aber wegbekommen.
130 km: Ich esse meinen Apfel. Zum ersten Mal seit Tagen ohne Gelsen, mangels Sitzgelegenheit aber trotzdem im Stehen.
Bei den Pausen lege ich das Rad immer hin, meistens versichern sich die vorbeifahrenden Lenker in irgeneiner Form, ob eh alles okay ist bei mir.
142 km: Es ist 17:00 Uhr und ich bin in meinem Zimmer des Motels im "Tatogga Lake Resort".

Es folgen die üblichen Handlungen und um 19:00 sitze ich beim Abendessen im zum Resort gehörigen Restaurant, genieße die Anwesenheit von Menschen, die Musik im Hintergrund, die Gemütlichkeit des Blockhauses und vor allem das Essen. Ein wenig spüre ich beim Sitzen heute meinen Hintern. Die drei Tage bis Nugget-City muss er noch durchhalten, dann bekommt er wieder einen Tag Pause. Das WiFi hier hat den Namen Starlink, wahrscheinlich geht es über Satellit.
Und zum Schluss gibt's natürlich wieder die übliche Fotostrecke. Zu sehen ist kaum mehr als Landschaft, sonst war halt wieder nix zu sehen; heute nicht einmal ein Bär.

21. Juni 2026, Tag 18, Sonntag

Tag 18: 98 km, 917 hm, maximale Höhe 1248 m, 19 km/h
Gesamtstrecke: 1793 km, 11150 hm, 18 Tage(17 Fahrtage), daher: 100(105) km/d, 619(656) hm/d
Offen: 1596 km, 23 Tage, 69 km/d
geschafft: 53 Prozent der Strecke in 44 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Um 7:00 gehe ich zum Frühstück ins Restaurant. Der Senior-Chef ist um diese Zeit allein für alles verantwortlich, also habe ich ein wenig zu warten. Währenddessen kann ich die riesige Landkarte der ganzen Region an der Wand studieren. Sie gibt mir Überblick über den bevorstehenden Tag und seine Herausforderungen. Demnach sind heute zwei Pässe zu fahren.
Das Warten hat sich ausgezahlt, denn das Frühstück ist geschmackvoll und kräftig (Eier, Speck, Erdäpfel, Toast und 2 riesige Pancakes). Der allgegenwärtige Kaffee in beliebiger Menge ist selbstverständlich.
Die Fahrt beginnt um 8:35, wieder bei herrlichem Wetter. Die ersten 15 Kilometer verlaufen entlang des spiegelglatten Tatogga Lake. Der Asphalt ist rauh, ein Luchs läuft mir über die Straße und ich kann in einem Video gerade noch einfangen, wie er in den Straßengraben springt. In Iskut, einem Indianerdorf, gibt es unter anderem den "Kluachon Store". Dort besteht die letzte Möglichkeit vor Dease Lake, zu einem Kaffee zu kommen. Ich nütze sie.
Bei der ersten starken Steigung zum ersten Pass kommen die Jacke und das Stirnband in den Rucksack. Die Landschaft bietet heute weniger Highlights, aber irgendwie hat die mich an Finnland erinnernde Landschaft auch ihren Reiz.
Ich liebe die Ankündigung eines Platzes für den "Brake Check" der LKWs, denn dann weiß ich, dass es jetzt schnell bergab geht. Diesmal leider auch über einen kurzen Schotterabschnitt runter in das Tal des Stikine River und dort wieder über die Metallbrücke, um gleich darauf mit dem Anstieg zum Pass Gnat zu beginnen.
Und der ist zunächst heftig, ich muss die kleineren Übersetzungen wählen. Bald aber geht es sanfter weiter, zwischendurch auch mit geringem Gefälle. Leichter, kühlender Rückenwind unterstützt mich. Für den Kopf war das Studium des Höhenprofils auf der Wandkarte aber auch über GoogleMaps gut. Man kann sich dann besser darauf einstellen. Das Höhenprofil wird bei GoogleMaps nur angezeigt, wenn man die Navigation als Fahrrad wählt, dann ist der Steckenverlauf aber meistens vollkommen anders als der, den ich fahren möchte - nämlich am Highway. In dieser Gegend aber sind Fahrrad- und PKW-Route mangels Alternativen identisch.
Die Passhöhe ist scheinbar nicht angeschrieben, nur der "upper gnat lake" und wenig später der "lower gnat lake". Demnach muss der Pass in der Nähe sein und an der vermutlich höchsten Stelle, auf 1221 Metern Seehöhe, nach 876 Höhenmetern und 77 Kilometern beschließe ich um 13:35, meine Mittagspause zu machen - mit dem noch von gestern übrigen zweiten Sandwich.
Zwei Kilometer später ist dann doch die Passhöhe angeschrieben: 1241 Meter Seehöhe. Danach geht es aber ziemlich zügig runter ins Tal. Teile der Abfahrt habe ich auf Video festgehalten. Das bewegte Bild und die Geräuschkulisse ermöglichen es, die große Landschaft und mein Erleben besser nachvollziehen zu können. Daheim wird es sicher Gelegenheit geben, diese Videos zu zeigen.
Um 15:00 bin ich in einem Zimmer der "Arctic Divide Lodge" in Dease Lake. Hier ist zwar wieder ein elektronischer Check-In vorgesehen, der erst ab 16:00 funktioniert, aber weil grad wer da ist, kann ich schon früher rein. Den Code für die Türen, den ich natürlich auch danach noch brauche, habe ich wieder per mail erhalten.
Bei der Erkundung der Umgebung stelle ich fest, dass es die Restaurants aus GoogleMaps nicht gibt, einzig und allein ein großer Store existiert. Dort kaufe ich mir Nudeln und ein Bier fürs Abendessen und versichere mich, dass ich morgen Frühstück bekommen und Verpflegung für morgen und übermorgen beschaffen kann. Denn in Jade City, meinem nächsten Quartier gibt's wieder nix, außer ein im Preis inbegriffenes Frühstück. Hoffentlich. In der kleinen Küche meiner Lodge kann ich das Essen zubereiten und dabei mit einem Ehepaar etwa meines Alters ein wenig quatschen. Sie sind mit den Motorrädern unterwegs.
Auf der Straße war heute sehr wenig los. Ich bin vielen Motorradfahrer begegnet, die die Hand zum symbolischen Abklatschen zur Seite gehalten haben - den Brauch habe ich schnell übernommen. Die Radfahrer, mit denen ich in den letzten Tagen Begegnungen hatte, machen mir bewusst, dass ich nicht der einzige Spinner bin - aber einer der größeren, wie ein Streckenvergleich immer wieder zeigt.
Ein wenig nachdenklich bin ich darüber, dass meine sonst üblichen Gedanken über "Gott und die Welt" sehr auf sich warten lassen. Vielleicht bin ich schon zu alt dafür oder zu abgeklärt. Vielleicht habe ich schon alles ausgesprochen. Oder ich gehe einfach nur in einem großen Gefühl der Freiheit auf; so frei, dass ich mit nichts zu hadern und über nichts nachzudenken habe. Ich bin (vom Hinterteil abgesehen) vollkommen entspannt, brauche keine Massage, um frei durchatmen zu können und freue mich über ein gesund wachsendes Selbstvertrauen. "Have a great day, Austria!"

22. Juni 2026, Tag 19, fade 114 km nach Jade City

Tag 19: 115 km, 705 hm, maximale Höhe 1003 m, 20 km/h
Gesamtstrecke: 1908 km, 11855 hm, 19 Tage(18 Fahrtage), daher: 100(106) km/d, 624(659) hm/d
Offen: 1482 km, 22 Tage, 67 km/d, wenn die Nächtigungsmöglichkeiten in diesen Abständen wären, dann würde ich das jetzt so machen und es wäre "a gmahde Wiesn"
geschafft: 56 Prozent der Strecke in 46 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Die Vorhänge in den Zimmern sind wichtig, denn die Sonne steht hier um 21:30 noch deutlich über dem Horizont. Und um 4:00 ist es wieder hell draußen.
Im Store bekomme ich tatsächlich ein ausreichendes Frühstück und kann (zu viel) Verpflegung für heute und morgen kaufen. Ein Videotelefonat mit meinem Bruderherz aus einem sehr persönlichen Anlass ist ein guter Start in den Tag.
Um 8:30 habe ich das Rad zwischen den Beinen, der Himmel ist wieder blau, die Temperatur deutlich unter 20 Grad, also sehr angenehm zum Fahren - und auch der Wind ist gut angesagt.
Aufgrund des schlechten Asphalts kommt vom Hintern die Empfehlung, wieder einen Elfer-Rhythmus zum Abstellen der Füße auf den Boden einzuhalten und am Lenker meistens unten anzugreifen. Der Elfer ergibt sich aus der heute bevorstehenden Distanz.
45 Kilometer geht es entlang des Dease Lake, ich sehe aber hauptsächlich Sträucher und niedrige Bäume. Nur fallweise gibt die Vegetation einen Blick auf den ruhigen und komplett unverbauten See frei.
Bei der ersten Bergwertung kommt die Windjacke weg und ich entdecke eine alltagstaugliche Definition für einen Wendepunkt in der Mathematik: Darunter versteht man jenen Punkt, an dem das (natürlich nur gedankliche) Fluchen über diesen blöden Berg am intensivsten ist. Trifft den Sachverhalt der mathematischen Definition gut :-).
Ich denke auf der faden Strecke auch wieder über meine Reifen nach: Vorder- und Hinterreifen könnte ich ja vertauschen. Die Tatsache aber, dass der schlechtere der beiden doch noch nicht sooo schlecht aussieht und ein Grundsatz aus der EDV lassen mich den Gedanken aber sofort wieder verdrängen: "Never touch a running system!"
Leider meldet sich auch die linke Achilles-Sehne (oder das Sprunggelenk?) wieder. Eine Entzündung durch Überbelastung? Beim Eintreffen im Quartier und vor dem Schlafengehen verordne ich mir daher je eine Sercatil-Tablette. Und ich mach fast bei jeder Pause eine Dehnungsübung für das Gelenk.
Nach 76 Kilometern finde ich ein kleines Plätzchen neben der Straße für die Mittagspause. Ein paar Schmetterlinge leisten mir dabei Gesellschaft.
Nach 8x11=88 Kilometern ist wieder Zeit für eine kleine Statistik: Es ist 13:35 und ich habe 490 Höhenmeter hinter mir.
Endlich wird die Landschaft wieder attraktiver. Ich plane eine Apfelpause bei 97 Kilometern - die Anwesenheit eines Bären im Straßengraben rät mir aber davon ab. Aber ich hab es endlich geschafft, ein kurzes Video von ihm zu machen. Man sieht ihn nur ganz kurz, er ist ganz in Schwarz :-). Im letzten Augenblick schaut er zu mir (Video gelöscht). Die Apfelpause findet daher erst nach 99 Kilometern statt, der Abstand dürfte ausreichend groß sein.
Danach beginnen auch schon die letzten Kilometer über die letzten Bergwertungen. Um 15:20 bin ich im "Jade City Bungalow", einem innen sehr liebevoll hergerichteten Container mit Küchenzeile. Waschraum und Klo sind nicht integriert, aber unmittelbar daneben, auch für andere Gäste.
Das Angebot von Kaffee und zugehöriger Maschine kombiniere ich mit meinem mitgebrachten Muffin. Bald bringt eine Mitarbeiterin mein Frühstück für morgen vorbei. Sie ist aus Deutschland und einige Monate hier in Kanada zum Arbeiten und Reisen.
Auch beim Einkaufen im Jade-Store (ein paar ganz kleine und ganz leichte Mitbringsel) kann ich ein wenig mit ihr und einem Schweizer auf Deutsch plaudern. In der Nähe wird Jade abgebaut, hier verarbeitet und natürlich den Touristen angeboten.
Zum Abendessen gibt es den in Dease Lake gekauften Eintopf aus der Dose und dazu Laugengebäck. Natürlich habe ich mich vorher versichert, dass es in der Küchenzeile was zum Aufwärmen gibt - ein Mikrowellengerät.

23. Juni 2026, Tag 20

Ende des Cassier Highways, Yukon und Alaska Highway erreicht, 2000er geknackt

Tag 20: 122 km, 527 hm, maximale Höhe 960 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 2030 km, 12382 hm, 20 Tage(19 Fahrtage), daher: 102(107) km/d, 619(652) hm/d
Offen: 1360 km, 21 Tage, 65 km/d, wenn die Nächtigungsmöglichkeiten in diesen Abständen wären, dann würde ich das jetzt so machen und es wäre "a gmahde Wiesn"
geschafft: 60 Prozent der Strecke in 49 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Um wieder mal meine Schlafqualität zu thematisieren: Ich werde nicht von selbst, sondern durch den Wecker wach :-)
Nach allen üblichen Vorbereitungen und dem Spülen des Geschirrs ist heute um 8:15 Abfahrt, wieder bei sehr gutem Wetter.
Der Asphalt und das Sprunggelenk sind leider wie gestern. Nachdem es aber insgesamt bergab geht und "nur" etwas mehr als 500 Höhenmeter zu bewältigen sind, sollte sich das ausgehen. Ich konzentriere mich den ganzen Tag auf dieses blöde Gelenk, versuche, mir ein neues Bewegungsmuster einzulernen, mehr zu ziehen statt zu treten (wofür habe ich schließlich die Clips) und vor allem ruhige und runde Bewegungen zu machen.
Ein gutes Stück geht es heute nach Osten, die noch tief stehende Sonne blendet ein wenig. Es ist kaum Verkehr. Bald kommt wieder die Windjacke weg und ab "boya lake", einer Restarea, wird der Asphalt schlagartig besser, traumhaft glatt!
Ein Foto vom "Mud Lake" (Drecklacke ;-)) wird geschossen und nach etwa 45 Kilometern begegnen mir Jonas und Margaux, aus Großbritannien und Frankreich (ihren Namen hat sie selbst in meine Notizen getippt, mit dem Französischen hab ich es nicht so). Sie radeln von Anchorage in Alaska nach Argentinien - ich bin also doch nicht der größte Spinner und meine Begrüßung hat gut gepasst: "Hey, two other grazy people!" Ich habe ihnen den Link zu meiner Website gegeben (für Freunde in Salzburg), sie haben mir den Link zu ihrem YouTube-Kanal gegeben:
Jonas und Margaux
Zum Abstellen der Füße gibt es die "Halbstreckenstatistik": 61 Kilometer, 11:20, 263 Höhenmeter.
Etwa ab Kilometer 70 führt die Straße für gute 30 Kilometer durch ein Gebiet, in dem vor ein paar Jahren der Wald gebrannt hat. Die Eindrücke sind traurig aber auch faszinierend, denn die Regenerationsfähigkeit der Natur ist einzigartig, vieles ist schon wieder am Sprießen.
Aufgelockert wird dieser Abschnitt durch die Lunch Time um 12:40 nach 88 Kilometern und 380 Höhenmetern: Es gibt Toastbrot und ein paar Würstel. Faszinierender als die Jause ist etwa bei Kilometer 97 eine Elchkuh, die ich einfach nicht überholen kann (schließlich geht es bergauf ;-)) (Video gelöscht)
Gegen Ende des Tages gibt es noch einige zwar kurze aber sehr steile Stücke und schließlich eine Abfahrt wie auf einer Welle: runter-rauf-runter-rauf- ...
Wenn ich mit dem Schwung über die nächste Kuppe komme, dann ist es lustig; wenn nicht, dann ist es schweißtreibend.
Um 14:45 habe ich den Yukon erreicht. Ein Autofahrer, der mich ankommen sieht, bietet sofort an, ein Foto von mir zu machen und gratuliert mir. Irgendwie erzeugt dieses kleine Schild mit der Aufschrift "Yukon" ein Glücksgefühl und entlockt mir sogar einen (zu mir passenden dezenten) Siegesruf.
Die einzige Kreuzung nach 6 Tagen, der "junction" von Cassier- und Alaska-Highway, ist zwar nicht attraktiv, aber ein Foto wert. Nach etwa einem Kilometer am Alaska Highway bin ich um 15:15 am Zimmer in einem der Häuschen in der "Nugget City". Meines ist "Black Bear 1".
Zufriedenheit und Freude kommen auf, ein riesiger Abschnitt ist geschafft. Der einsame Cassier Highway, mein ursprünglichster Angstgegner ist besiegt. Und der Mut, der für den Rest noch notwendig ist, der ist gewachsen.
Zufrieden bin ich auch mit dem Zustand meines Hinterteils: Seit ich den Lenker viel konsequenter unten angreife, ist das Problem (zumindest vorläufig) weg. Ich habe schon 2 Tage kein Lasepton verwendet. Und Apropos Hintern: Meine Verdauung hat heute ein wenig gegen den Eintopf gekämpft. Wahrscheinlich war da doch nicht alles so chemiefrei, wie draufgestanden ist. Und ich bin ein wenig empfindlich für schlechte Ernährung. Warum ich über all das schreibe, worüber man sonst nicht spricht: Weil diese Kleinigkeiten, die man im Alltag mehr oder weniger leicht wegsteckt, in vertrauter Umgebung einfach durchdrückt, bei einem solchen Unternehmen, vor allem in einer solchen Gegend zu einem riesigen Problem werden können. Wer wünscht sich schon Durchfall oder eine andere physische Fehlleistung, wenn die nächsten 100 Kilometer nur Natur sind ... Das Radfahren kann man trainieren.
Es gibt ein Restaurant hier, und dort haben sie als Tagesangebot für's Dinner irgendwas mit "Schnitzel". Ich bestelle, ohne es genau zu hinterfragen und krieg tatsächlich paniertes Fleisch mit Erdäpfelpürree und Gemüse. Wie daheim. Und ein Bier dazu, und dann noch eins ...
Und morgen wird der Platz besichtigt, die Körperpflege intensiver betrieben, das Sprunggelenk gepflegt, Kaffee getrunken, genascht und natürlich geplant. Eigentlich habe ich die nächsten Tagesetappen eh schon beschlossen, aber die Reservierungen und die Detailplanung fehlen noch. Ich wünsche mir eine gute Nacht und allen, die mich über diese Seite begleiten, einen guten Morgen. Ehrlicherweise ist es motivierend, zu wissen, dass es euch gibt ...

24. Juni 2026, Tag 21, Mittwoch, Rasten und Organisieren

Tag 21: 0 km, 0 hm, maximale Höhe 730 m (Nugget City), 0 km/h
Gesamtstrecke: 2030 km, 12382 hm, 21 Tage(19 Fahrtage), daher: 97(107) km/d, 590(652) hm/d
Offen: 1360 km, 20 Tage, 68 km/d
geschafft: 60 Prozent der Strecke in 51 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Zum Frühstück gehe ich heute erst um 9:00, einfach weil ich Zeit habe. Davor trödle ich ein wenig und arbeite an meinem Sprunggelenk. Gestern Abend war es etwas geschwollen und unbeweglich. Die Schwellung ist heute morgen weg, der Bewegungsspielraum noch eingeschränkt und ein latenter Schmerz ist da. Ich glaube aber, dass ich das mit vorsichtigem Dehnen, Massieren und Mobilisieren bis morgen hinkriege.
Dann geht es an die Umsetzung der gestrigen Vorsätze: Zunächst ans Rasieren für ein Videotelefonat mit Sylvia. Bei der Gelegenheit muss ich den Nachrichtentechnikern meine Hochachtung aussprechen. Die Qualität des Video-Calls ist wie zwischen Kirchberg und Wien.
Ich finde heute Zeit, ein paar der eingegangen Chats und Emails zu beantworten, ich pflege das Rad und meine sonstige Ausrüstung und plane die nächsten Tage: Bald trudeln Buchungsbestätigungen ein, die nach langer Strecke durchs nix wieder die Sicherheit einer Schlafstätte geben. Nur der kommende Freitag ist noch gelb im Kalender, sonst ist alles grün bis Montag. Das mit den riesigen Abständen der Stüzpunkte wird bis zum Schluss so bleiben, ist aber ein Teil der Faszination an diesem Unternehmen. Auch meine t-mobile-SIM-card von der USA-Tour 2022 kann ich wieder aktivieren. Alaska gehört zu den USA, Kanada nicht ;-). Ich hoffe, dass ich bei dieser Aktivierung keinen (finanziellen) Fehler begangen habe.
Die "Nugget City" besteht nur aus einem RV-Park, ein paar Häuschen und Containern für die Touristen, einem Restaurant und natürlich einem "Gift-Shop". Bei meinem Rundgang sehe ich neue Häuschen im Entstehen und die billigere Alternative zu meiner Unterkunft. Für den Pausentag war meine Wahl richtig. Das Gehen ist auch gut für mein Sprunggelenk.
Die Wirtin, die mir bei meinem Rundgang begegnet, meint, dass ich eigentlich viel zu sauber ausschaue für einen Radfahrer. Ich nehme es als Kompliment und sag ihr, dass ich halt Rasierzeug und Shampoo mithabe und auch eine Waschmaschine bedienen kann. Und mir fällt ein, dass schon der Karl May geschrieben hat, dass er als "Old Shatterhand" immer ein Stück Seife mit sich führt. Die Selbstachtung, zu der auch ein wenig die Pflege des eigenen Äußeren gehört, muss ja auch bei einem Abenteuer nicht an letzter Stelle stehen. Dabei fällt mir ein, dass auch das Schreiben des Tagebuchs wichtig ist. Des dient zur Orientierung, welcher Tag heute ist, wie lange ich schon unterwegs bin und was schon alles hinter mir liegt. Abgesehen davon würden ohne Tagebuch aufgrund der Fülle an Eindrücken, Orten und Emotionen daheim nur mehr vage Erinnerungen an diese Reise existieren .
Zwischenruch gibt's noch etwas Kaltes zum Essen aus meinen noch immer vorhandenen Vorräten, Kaffee und Kuchen im Restaurant und auch für ein kräftiges Abendessen mache ich mich nochmals auf den Weg dorthin, denn dicker geworden bin ich in den letzten drei Wochen nicht, wie mir ein Blick in den Spiegel versichert.
Unsicher bin ich darüber, ob bei den Unterkünften in den nächsten Tagen WiFi dabei ist. Wenn nicht, dann muss die Fortführung des Tagebuchs vielleicht ein zwei Tage warten. Aber ich bin optimistisch - so, wie halt meistens und grundsätzlich :-)

25. Juni 2026, Tag 22, up and down

Tag 22: 114 km, 768 hm, maximale Höhe 1037 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 2144 km, 13150 hm, 22 Tage(20 Fahrtage), daher: 97(107) km/d, 598(658) hm/d
Offen: 1246 km, 19 Tage, 66 km/d
geschafft: 63 Prozent der Strecke in 54 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Gestern habe ich noch Insektenspray im Restaurant gekauft, mit der Bemerkung "more important than bear spray". Außerdem habe ich mich noch auf der Tafel eingetragen, auf der (wahrscheinlich fast) alle Radler stehen, die hier durchkommen.
Meine wieder aktivierte USA-T-Mobile-SIM sollte laut Coverage map auch hier im Yukon funktionieren. Im südlichen B.C. hätte sie auch gepasst, wahrscheinlich war die kanadische SIM unnötig. Heute vormittag nämlich verlasse ich kurz den Flugmodus in einem Bereich, in dem ich Netzabdeckung vermute, und erhalte tatsächlich eine SMS mit der Info "Willkommen in Kanada, keine zusätzlichen Kosten". Auf meinem Weg durch Alaska sollte die Abdeckung fast überall gegeben sein - irgendwie beruhigend. Der Cassier Highway ist aber auch in diesem Netz ein weißer Fleck. Den Flugmodus, abgesehen vom GPS, habe ich immer aktiviert, wenn kein Netz zu erwarten ist, weil ich dann Energie sparen kann.
Netzabdeckung t-mobile
Netzabdeckung kanadisches Telus
Meine Affinität zur Technik ist für dieses Unternehmen eine gute Grundlage :-)

Erst um 8:00 ist heute Frühstück zu bekommen - ich bin der Erste im Lokal. Außer dem Frühstück lasse ich mir noch ein paar Sandwiches zum Mitnehmen herrichten.
Die Wetterprognose sagt Wind von hinten und etwas Wasser von oben voraus - das Wetter hält sich daran. Also starte ich bei leichtem Nieseln um 9:05 zwar noch mit Windjacke, wechsle nach einem Kilometer auf die Regenjacke und habe bald auch die Regenschuhe, die langen Beine, die kurze Überhose und das Helmcover am Mann. Es hat 15 Grad.
Der Asphalt ist "so lala", es geht den ganzen Tag auf und ab, nie steil, aber stetig bergauf. Am Ende befinde ich mich auf etwa 1000 Metern über dem Meer. 10 km/h wechseln rasch mit 50 km/h und umgekehrt.
Auf den Bergkuppen wird die faszinierende Weite des Yukon sichtbar. Riesige Flächen sind mit niedrig wachsenden Bäumen bedeckt. Irgendwann habe ich im Geografie-Unterricht gelernt, dass man das als "Taiga" bezeichnet. Am Horizont tauchen aber auch bald wieder schneebedeckte Berge auf. Der Verkehr ist hier auf dem Alaska Higway erwartungsgemäß stärker, als auf dem 37er. Die "right lane" nütze ich aus Qualitätsgründen nur dann, wenn ich spüre, dass ich überholt werde.
Nach 38 Kilometern habe ich das erste Tagesdrittel mit 360 Höhenmetern um 11:25 erledigt. Bei etwa 47 Kilometern kann ich wieder einen Bären im Video einfangen und ab Kilometer 57 beginne ich schrittweise wieder mit der Reduktion der Kleidung. Nur die Beinlinge bleiben bis zum Schluss, weil ich glaube, dass warme Wadln gut sind für die Achilles-Sehne und das Sprunggelenk. Das hält den ganzen Tag problemlos durch.
Irgendwann wird der Asphalt wieder besser, und ich beobachte, dass ich durch den Pausentag sehr erholt und entspannt fahre. Der heutige Tag fällt mir leicht.
Nach 2 Dritteln, also 78 Kilometern mache ich um 13:30, nach 590 Höhenmetern meine Lunchpause. Bei Kilometer 99 esse ich den Rest meiner Sandwiches, damit ich wieder die Füße auf den Boden stelle.
Reservieren konnte ich ja für heute nicht, weil die auf dem einzigen am Weg liegenden Stützpunkt, der "Continental Divide Lodge" laut Auskunft des Wirten in der Nugget City nach dem Prinzip "first comes - first serves" vorgehen. Neben der Wettervorschau, die sich etwa 3 Kilometer vor dem Ziel durch einen Blick auf den Himmel als richtig ankündigt, ist das der zweite Grund, warum ich die Pausen heute (wie eigentlich eh immer) kurz halte. Eine gewisse Unsicherheit besteht also bis zum Schluss.
Beim Erreichen des Areals kommt mir aber schon eine freundliche Dame aus dem Office entgegen, weiß sofort, was ich will und lässt mich meinen Raum in dem Blechmotel selbst aussuchen. Schauen eh alle gleich aus, nix tolles, aber ein trockenes Bett, eine Dusche und ein Klo. Ich nehme die Nummer 1 und bin vermutlich der einzige Gast, abgesehen von den Besuchern mit den RVs.
Um 15:30 bin ich im Zimmer, um 16:00 regnet es wie angekündigt in Strömen - "just in time" ist damit die heutige Fahrt erledigt.
Auch im etwas in die Jahre gekommenen Restaurant bin ich der einzige Gast. Bier haben sie keins, das Essen ist nicht toll, aber es macht satt. Und obwohl sie eigentlich um 19 Uhr schließen, selbst aber noch essen und aufräumen, darf ich noch bis etwa 20 Uhr bleiben. Schließlich ist das Sitzen am Tisch hier bequemer als im Zimmer. Und das Internet funktioniert auch nur hier. Das heißt übrigens wieder "Starlink".
Die Dame die mich eingecheckt hat, setzt sich ein wenig zu mir, plaudert, erzählt und zeigt mir ein Buch, das sie über ihren Vater gemacht hat. Er war einer der ersten großen Skisportler Kanadas, Harry Burfield, lässt sich googeln. Sie selbst ist ihr Leben lang Trucks gefahren, darum quält sie auch heute der Ischias-Nerv. 1974 hat sie die Ausbildung dafür gemacht, mit 19 Jahren. Heute, so meint sie, nichts Ungewöhnliches für eine Frau in Kanada, damals schon. Sie erzählt mir auch von einem Wolf und einem blutenden Radfahrer vor etwa zwei Wochen - das will ich aber nicht wissen :-).
Zum Frühstück kann ich morgen schon ab etwa 6:30 kommen. Ich lege mich fest, wenn ich ins Bett gehe. Mangels Alternativen wird das heute bald sein. Aber ich setze mich noch ein wenig auf die Terrasse des Restaurants, weil das Wetter wieder passt. Und auch das Internet, damit geht das Tagebuch noch online. Viel Spaß beim Lesen.

26. Juni 2026, Tag 23, Das Wetter ist besser, als die Prognose

Tag 23: 124 km, 497 hm, maximale Höhe 1004 m, 20 km/h
Gesamtstrecke: 2268 km, 13647 hm, 23 Tage(21 Fahrtage), daher: 99(108) km/d, 593(650) hm/d
Offen: 1123 km, 18 Tage, 62 km/d
geschafft: 67 Prozent (also sicher 2 Drittel) der Strecke in 56 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Um 7:00 sitze ich zum Frühstück wieder im "Restaurant". Ich muss es unter Anführungszeichen setzen, damit man sich nicht das vorstellt, was man in Österreich darunter versteht. Zu zahlen ist hier übrigens wieder in Cash, auch eine Ausnahme. Für die Jause unterwegs lasse ich mir wie gestern wieder ein paar Sandwiches herrichten.
Aufgrund der Wettervorhersage stelle ich mich auf einen Regentag ein, nur die ersten paar Stunden sollte es noch trocken sein. Ich muss also bald weg, um nicht die vollen 120 Kilometer im Regen zu haben. Die Wirtin ist skeptisch bei meiner Abfahrt. Aber ich habe daheim bei vielen Gelegenheiten trainiert, auch bei Sch...wetter zu fahren. Ich kann das!
Um 8:10 habe ich das Rad zwischen den Beinen. Es nieselt ganz leicht, der Himmel ist stark bewölkt und die Straße nass. Ein großer Teil der Strecke führt wieder durch B.C.
Ich starte unter dem Motto "Augen zu und durch", fotografiert wird heute weniger. Die kraftvolle regnerische Stimmung beeindruckt mich dann aber doch und zwingt mich mehrmals zum Anhalten, um diese Stimmung mit der Kamera einzufangen. Man hört leider auf den Fotos nicht, dass die Ruhe noch vom Zwitschern der Vögel unterstrichen wird.
Um die Mittagszeit vermute ich zum ersten Mal, dass ich vielleicht doch trocken bleibe, manchmal blinzelt schon die Sonne durch. Und bei meiner "Lunch-time" um 13:00 nach 85 Kilometern zeigt sich das Wetter schon von der besseren Seite. Heute esse ich meine Sandwiches nicht einfach am Straßenrand, sondern auf einer Rest Area, die grad zufällig auf dem Weg liegt. Ein Wohnmobilfahrer ruft seiner Frau nach, ob sie die Autoschlüssel hat, in dieser Sprache. Die ersten deutschen Urlauber sind also unterwegs und es tut gut, mal wieder ein wenig auf Deutsch zu plaudern.
Nach 101 Kilometern beginne ich, die Kleidung deutlich zu reduzieren und nach 105 Kilometer begegnen mir wieder zwei Radler. Es stellt sich schnell heraus, dass Florian und Jasmin in der Schweiz daheim sind, also können wir unseren Gedankenaustausch auf Deutsch führen. Die beiden sind unterwegs von Anchorage in Alaska nach Feuerland am untersten Zipfel von Südamerika. Eineinhalb Jahre etwa haben sie sich dafür Zeit gegeben. In Alaska haben sie nur einen Bären und einen Elch getroffen. Und sie sind natürlich auch wieder über's Internet verfolgbar. Wenn man dort ein wenig stöbert, dann merkt man, dass ich wirklich nur ein sehr kleiner Spinner bin:
Florian und Jasmin
Im reservierten Yukon Motel in Teslin geht wieder alles sehr schnell, um 16:10 bin ich in meinem Zimmer. Als eine der ersten Handlungen dort mache ich mich an die Sicherung des Quartiers für morgen, an Johnsons Crossing. Ich hab dort schon vor Tagen über die Website reserviert und eine Mail geschrieben, aber keinerlei Bestätigung erhalten. Und nachdem ich wieder Mobilnetz habe, greife ich zum Telefon und rufe dort an. Auf meine Vorstellung als "cyclist from Austria" reagiert die Dame am anderen Ende auf Deutsch, erklärt mir, dass ihre Mama in Österreich geboren und sie in München aufgewachsen ist. Die Reservierung für morgen geht in Ordnung. Ich habe also zumindest bis Montag früh wieder ein Dach über dem Kopf. Der morgige Tag war der einzige noch gelbe im Kalender.
Vollkommen entspannt setze ich mich also ins Restaurant im Areal und genieße einen richtig guten Burger mit viel Salat. Die zwei Schweizer haben mich darauf aufmerksam gemacht. Und es gibt auch "Bud Light" dazu. Serviert wird das Bier so wie meistens in Nordamerika: einfach in der Dose.
Entspannt verläuft seit Anfang des Cassier Highways auch der Check-In bei den Unterkünften. Keiner will irgendeine ID, manchmal füllt man mehr oder weniger genau ein Formular aus, das nicht hinterfragt wird, man zahlt (meistens mit Handy) und bekommt den Schlüssel. Das war's, auch mit meinem heutigen Tagebucheintrag - er kommt rechtzeitig zum Frühstückskaffee ;-).

27. Juni 2026, Tag 24, Kurzstrecke mit "uphills and headwind"

Tag 24: 52 km, 243 hm, maximale Höhe 758 m, 19 km/h, gestresst hab ich mich heute nicht ;-)
Gesamtstrecke: 2320 km, 13890 hm, 24 Tage(22 Fahrtage), daher: 97(105) km/d, 579(631) hm/d
Offen: 1072 km, 17 Tage, 63 km/d
geschafft: 68 Prozent der Strecke in 59 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Gestern Abend bin ich noch eine Runde im RV-Park gegangen. Die Leute in einem Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen habe ich angesprochen. Sie sind in Düsseldorf daheim und haben sich ihr eigenes Fahrzeug verschiffen lassen, um 6 Monate hier in Alaska und Kanada herumzufahren.
In Anbetracht der heutigen Tagesstrecke schlafe ich mal länger und gehe erst um 7:30 zum Frühstück. Die Elchwurst zum üblichen Ei, Toast, Erdäpfeln, ... schmeckt köstlich. Im Gemischtwarenladen der "Nisutlin Trading Post" versorge ich mich mit Abendessen für heute und Tagesverpflegung für morgen. Beim Wegfahren spricht mich der erste Polizist auf meinen vielen Touren an - aber nicht dienstlich. Er ist auch Radfahrer, erzählt von seinen Rennen und von ein paar Gravel-Abschnitten, die mich noch erwarten. An meinem Rad und meiner Ausrüstung schaut er sich viele Details an, gefällt ihm voll - ich glaub, er kauft sich jetzt auch das Checkpoint. Und die Taschen von Tailfin.
Um 9:30 geht es los. Zuerst läuft mir ein Fuchs über den Weg, dann begegnet mir der Franzose, den mir die beiden Schweizer gestern angekündigt haben. Auch er will nach Argentinien. Die Leute auf dem Weg von "ganz oben nach ganz unten" unterscheiden sich von mir durch viel mehr Gepäck, schwerere Räder und wesentlich kürzere Tagesetappen; und auch durch das Alter - die meisten sind jünger als meine Kinder. Ich bin mit meiner Lightweight-Ausrüstung schneller und komfortabler unterwegs. Meine Version ist mir lieber - ihnen hoffentlich ihre.
Den ganzen Tag geht es heute entlang des "Teslin Lake". Leider aber nicht flach am Ufer, sondern wie beim Neusiedler See durch die Weinberge daneben - aber ohne Buschenschanken. Die Gesamtlänge des Teslin Lake ist größer als die des Neusiedler Sees.
Kurz aber heftig meldet sich nochmals meine "Achilles-Ferse" und verunsichert mich. Nach ein paar Kilometern ist aber wieder alles ok, und um 13:00 bin ich am Zimmer der "Johnsons Crossing Lodge". Es gibt neben ein paar Zimmern einen RV-Park hier, eine Tankstelle und ein Kaffeehaus mit frischen Bäckereien. Dort sitze ich nach Erledigung der üblichen Arbeiten bei einem gemütlichen Nachmittagskaffee. Von der Terrasse aus habe ich einen guten Blick auf die Brücke, über die ich unmittelbar vor dem heutigen Ziel gefahren bin. Sie bietet einen wunderbaren Blick auf den Teslin River.
Auch zum Abendessen komme ich nochmal ins Kaffeehaus, auf ein Chili, Semmerl und ein kaltes Bier. Meine mitgebrachte Dose soll ich für schlechtere Zeiten wieder einpacken - meint die Münchnerin auf deutsch mit englischem Akzent. Sie lebt seit 25 Jahren hier und spricht mal Deutsch, mal Englisch mit mir. Erst ist sie auf Urlaub hergekommen, dann war da ein "falling in love" und der Rest erklärt sich von selbst. In den nächsten Monaten besucht sie ihre Familie in der alten Heimat - und freut sich auf "a Lewerkassemmi".
Und nachdem der Tag noch jung ist, schau ich mir über ORF ON die ZIB-Sendungen der letzten Tage an.
Der heutige Stützpunkt ist übrigens einer von sogar zwei(!) möglichen auf dem Weg nach Whitehorse. Die gewählte Variante ist für die Teilung der Strecke besser und für den Geldbeutel wesentlich besser.
Abschließend ein paar Hinweise:

Und ganz zum Schluss wieder die übliche Fotostrecke:

Und sollte die Packordnung noch interessant sein, dann bitte:
Packtasche links hinten: Zelt, Unterlagsmatte, Polster, Schlafsack
Packtasche rechts hinten: Reservekleidung, Sanitäres, Lebensmittel, Küchenutensilien, Laptop, Regenschuhe, Regenhose
Drybag Gepäckträger oben: Laufschuhe (gefüllt mit Socken) und Bag in Bag: weitere Lebensmittel
Packtasche links vorne: Schmutzwäsche, Werkzeug, Wasserflasche 1 L (nur bei Bedarf befüllt), Zurrgurte, Reserve-Drybags zum irgendwo noch Festzurren, aktuelle Kleidung für "unten"
Packtasche rechts vorne: Elektronik, Wasserflasche 1 L (nur bei Bedarf befüllt), aktuelle Kleidung für "oben"
Am Lenker: GoPro, Handy, Tacho, blinkender Scheinwerfer
Am Sattel: blinkendes Rücklicht
Am Rahmen: drei goldene ;-) Trinkflaschen zu je 0,7 L
Im Rucksack: Geld, Pass, Kreditkarten, Glücksbringer, Brille, Schmiermittel, Zahnstocher, Essbesteck, Radschloss, zusätzliche Radkleidung gegen Regen, Kälte und Wind, ausgenommen Regenschuhe und -hose, Tagesverpflegung, Taschentücher. Der Rucksack ist leichter, je kälter und regnerischer es ist.
Am Mann: übliche Radkleidung inklusive Helm (!) und Brille.

28. Juni 2026, Tag 25, Sonntag

Oida, I bin in Whitehorse, kane 1000 mehr bis Fairbanks

Tag 25: 128 km, 465 hm, maximale Höhe 885 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 2448 km, 14355 hm, 25 Tage(23 Fahrtage), daher: 98(106) km/d, 574(624) hm/d
Offen: 946 km, 16 Tage, 59 km/d
geschafft: 72 Prozent der Strecke in 61 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Ich bin heute wieder einmal sehr zufrieden, vielleicht merkt man das an der Überschrift. Ich unterscheide aber deutlich zwischen der Zufriedenheit mit dem Bisherigen und der Vorfreude über das Ziel. Man ist erst dort, wenn man dort ist.

Gestern ist es mir in meinem Zimmer noch fast zu eng geworden. Das "Restaurant" hat dann doch schon um 6 geschlossen, weil nur ich da war. Ein umfangreicherer Spaziergang ist unattraktiv. Und zwar nicht zuletzt deswegen, weil nach einer kleinen Runde am Platz mein Schlüssel nicht mehr sperrt und ich die Karin nochmal herausklopfen musste. Und Das WM-Spiel der Österreicher darf von ORF ON nur in Österreich abgespielt werden.
In ein paar Jahren wird es vermutlich weder die "Continental divide lodge" noch die "Johnsons crossing lodge" geben. Sie werden mit dem Ruhestand der handelnden Personen - sofern der möglich ist - eingestellt werden. Es wird offensichtlich nicht mehr investiert, man lässt es so laufen, wie's grad ist. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, hier auf Dauer zu leben: In die eine Richtung 120 Kilometer nach Teslin, in die andere Richtung 130 Kilometer nach Whitehorse und dazwischen nichts, am Gelände nur ein paar vertraute Personen und kaum Gäste. Mein Vorfreude auf Whitehorse mit etwas Leben nach den letzten zwei Wochen in der "Wilderness" ist stark im Wachsen.
Beeindruckt vom Traum in der heutigen Nacht werde ich wach: Ich musste wieder in den Unterricht, Gegenstand Biologie, keine Ahnung wie ich das machen soll. Aber es war NACH dem Ankommen in Fairbanks :-).
Frühstück gibt es erst ab 7:30. Nachdem ich aber schon deutlich früher ausgeschlafen bin, gehe ich am Platz wieder meine Runden und um 7:10 wird mir zugerufen:
Der Kaffee ist fertig!
Einfach draufklicken, Peter Cornelius aus den 80ern :-)
Dazu bekomme ich (natürlich gegen Bezahlung) 2 mit Allerlei gefüllte Semmerl und einen "Blueberry-Scone", der allein für 50 Kilometer reicht.
Um 8:30 klicken wieder die Pedale. Die warme Kleidung ist am Mann, es hat 10 Grad - daheim sind's 40. Der Himmel ist bedeckt, die Prognose trocken und hin und wieder sehe ich ein paar blaue Flecken am Himmel. Mit einer angenehmen Steigung geht es raus aus dem Tal des Teslin River. Um 10:50 habe ich das erste Drittel der Strecke und den größten Teil der Höhenmeter erledigt. Nach etwa 50 Kilometern wechsle ich auf die leichtere Windjacke und bald kommt die Überhose weg. Der Asphalt wird plötzlich traumhaft glatt, es ist richtig schön, zu fahren.
Die Landschaft verändert sich - ich sehe andere Formen und viel Sandstein oder Löss. Nach etwa 70 Kilometern schalte ich probeweise den Flugmodus aus und stelle fest, dass ich tatsächlich wieder Netz habe; mit allem Drum und Dran, richtiges 5G.
Lunch time mache ich heute erst nach 96 Kilometern um 13:20, es läuft einfach zu schön. Die am Weg liegende Rest Area neben einer Brücke bietet sich aber dann doch dafür an.
Danach wird die Asphalt-Qualität wieder mäßig und durch die Nähe der Hauptstadt des Yukon wird nimmt auch der Verkehr wieder zu. Ich muss mich glatt wieder konzentrieren! Trotzdem esse ich noch das letzte Dessert im Rucksack nach 112 Kilometern. Und um etwa 15:30 bin ich im Zimmer des "Destination Family Hotel". Dort habe ich für zwei Nächte reserviert, denn Whitehorse hat eine gute Infrastruktur: Bicycle-Stores, Restaurants, einen Friseur, eine Wäscherei und angeblich ein paar Sehenswürdigkeiten.
Ein Anruf beim nächsten geplanten Zwischenstopp "Otter Falls Cutoff" ergibt, dass die zugehörige Homepage veraltet und falsch ist, insbesondere kein Motel existiert. Kurz entschlossen reserviere ich daher in Haines Junction. Bis dorthin sind es zwar gute 150 Kilometer, das bin ich aber auch nach der Nacht im Zelt gefahren - also muss es auch nach einem Ruhetag gehen. Und auch für den Tag darauf mache ich nach einem Blick auf die Wettervorschau eine Buchung: Destruction Bay.
Schnell kläre ich noch die Möglichkeiten für die morgigen "ToDo's" und dann geht es nach zwölf Tagen wieder mal in ein richtig gutes Lokal, ins "Big Bear Eatery & Taphouse": Bowl und Bier vom Fass im Glas :-).

Mit Whitehorse habe ich wieder ein wesentliches Ziel erreicht. Hier gibt es einen Flughafen, der mir ein Ausstiegsszenario geboten hätte. Ich bin aber fest entschlossen, das jetzt bis zum Ende durchzuziehen. Bis jetzt macht es richtig Spaß und ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich darüber nachdenke, was ich aus den verbleibenden Tagen in Fairbanks mache :-)

29. Juni 2026, Tag 26, Whitehorse, Servicetag für mich und das Rad

Tag 26: 0 km, 0 hm, maximale Höhe 643 m (Whitehorse), 0 km/h
Gesamtstrecke: 2448 km, 14355 hm, 26 Tage(23 Fahrtage), daher: 94(106) km/d, 552(624) hm/d
Offen: 946 km, 15 Tage, 63 km/d
geschafft: 72 Prozent der Strecke in 63 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Noch vor dem Frühstück kontaktiere ich über die Website die "Discovery Yukon Lodgings", um am Donnerstag dort eine "cabin" zu bekommen. Fünf Minuten später erfolgt der Rückruf - die Dame am Telefon bestätigt, ich sag ihr meine Kreditkartennummer durch, eine Minute später ist auch die bestätigende Mail im Posteingang.
Frühstück gibt's gegenüber im Yukon Inn. Danach geht es zu "Icycle Sports", wo mein Rad ein kleines Service erhält. Antriebsreinigung reicht, der Rest sollte noch durchhalten bis Fairbanks, daheim kann ich ja dann einiges tauschen. Die Wartezeit überbrücke ich im integrierten Kaffeehaus. Während die Wäsche in der Waschmaschine des Motels ist, besuche ich den Friseur nebenan Und auf den Trockner warte ich dann direkt in der Laundry.
Ein Telefonat mit Sylvia bringt mich auf den neuesten Stand über alles, was daheim so interessant ist. Beim McDonalds hole ich mir einen Kaffee und einen Brownie, weil die immer gutes WLAN haben. Dort buche ich noch eine Unterkunft in Beaver Creek, vorläufig mal für eine Nacht. Zum Einpacken des Fahrrads kontaktiere ich per Website das "REI Bike Shop" in Fairbanks. Letztlich endet das in einem erfolglosen Telefonat, weil sie ausgebucht sind. Ich bekomme aber einen Hinweis, wo ich es noch versuchen könnte. Dem gehe ich vielleicht morgen nach, denn erst mal versuche ich es bei "beaversports", dort hätte ich 2024 schon Erfolg gehabt ...
Im Notfall muss ich mir einen großen Koffer kaufen und das Rad vollkommen zerlegen :-(.
Weil ich eins der Leiberl zu heiß gewaschen habe, nütze ich einen Stadtrundgang zum Kauf eines neuen. Wirkliche wichtige Sehenswürdigkeiten sind hier, auch nach einiger Recherche, nicht zu finden. Am Weg zum Abendessen in das gleiche Lokal wie gestern besorge ich mir noch etwas Bargeld für den "case of emergency". Ich bestelle das gleiche Gericht und das gleiche Bier - nur weniger als gestern ;-). Morgen ist ja wieder Fahrtag, ein langer! Und am "Heimweg" besorge ich noch Tagesverpflegung für morgen.

30. Juni 2026, Tag 27, much headwind - aber einfach geile 155 Kilometer!

Tag 27: 155 km, 431 hm, maximale Höhe 772 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 2603 km, 14786 hm, 27 Tage(24 Fahrtage), daher: 96(108) km/d, 548(616) hm/d
Offen: 793 km, 14 Tage, 57 km/d
geschafft: 77 Prozent der Strecke in 66 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Gestern habe ich sicher ein paar Stunden mit der Etappenplanung und Logistik verbracht. Unter anderem ist dabei ein neuer möglicher Stützpunkt kurz nach der Grenze aufgetaucht: die "Old Border Lodge". Ich muss noch klären, ob die wirklich existiert und dort ist, wo GoogleMaps sie verspricht. In diesen abgelegenen Gegenden ist sie nicht immer richtig. Man muss alles hinterfragen und kann nicht "auf gut Glück" hinfahren. Bei diesen Distanzen ist das zu riskant. Und es ist auch zu klären, ob ich an einem Ziel einkaufen kann für den nächsten Tag. An den übernächsten Tag zu denken, schadet auch nicht.
Beim Frühstück bin ich wieder der Erste und um 8:40 stehe ich in den Startlöchern. Wie schon so oft geht es bergauf aus der Stadt. Es ist angenehm bewölkt und die Temperatur ist mit 11 Grad auch gut. Die Kleidung passt natürlich wieder dazu. Die Fahrbahnqualität wechselt den ganzen Tag zwischen "Flüsterasphalt" und "Zumutung für Arsch, Bandscheiben und Handgelenke".
Eine erste Statistik gibt es nach 53 Kilometern: Es ist 11:30 und ich habe 250 Höhenmeter geschafft. Die Landschaft ist sehr weit und dementsprechend dem Wind ausgesetzt, der heute meistens gegen mich ist. Ich liebe jede Rechtskurve, denn die dreht mich aus dem Wind raus.
Zusammenhängend mit den sandigen Böden sind wahrscheinlich die weicheren Geländeformen in unmittelbarer Umgebung des Highways, bald aber tauchen wieder richtig hohe Berge auf.
Den Sandwich Nummer 1 als Lunch gibt es nach 101 Kilometern um 14:05. Etwa 20 Kilometer danach genehmige ich mir einen Kaffee und einen Riesen-Cookie bei "Otter Falls Cutoff". Dort habe ich vor ein paar Tagen noch eine Übernachtung im Zelt erwogen, alle Recherchen, insbesondere ein Telefonat mit der Betreiberin (?) haben aber ergeben, dass es besser ist, noch 30 Kilometer für ein Bett anzuhängen. Vor Ort stelle ich fest, dass die Entscheidung richtig war, denn das versprochene Restaurant ist auch geschlossen.
Fallweise sehe ich schon Schilder mit Entfernungsangaben nach Fairbanks - ich dürfte mich also nicht verirrt haben :-)
Um 17:00, 10 Kilometer vor dem Ziel, mache ich noch eine Pause für meinen Apfel. Zahlt sich zwar nicht mehr aus, aber ich habe Zeit und es ist wunderbar, hier zu sein. Die Weite und Schönheit der Landschaft, die Tatsache, dass ich mich durch sie durchbewegen kann, die Vögel und den Wind zu hören und den Wind zu spüren, rufen stärkere Emotionen hervor, als die Tatsache, dass der Wind gegen mich bläst. Auf einer Restarea bitte ich eine Autofahrer, ein Bild von mir zu machen, das vielleicht mein Gefühl ein wenig andeutet.
"Wie schön doch der liebe Gott das alles für uns gemacht hat", höre ich hier von Anhängern eines anthropozentrischen Gottes- und Weltbildes sagen. Mir wäre es etwas bescheidener lieber: Die Welt ist nicht für uns gemacht, aber wir haben die Fähigkeit bekommen, uns daran zu erfreuen. Warum oder durch wen auch immer.
Um 18:00 bin ich im reservierten Zimmer des "Kluane Park Inn" und um 19:00 sitze ich im zugehörigen Restaurant. Das schaut von aussen so aus, dass ich dreimal überlege, reinzugehen. Innen aber ist es ganz okay, das Essen passt auch und das "Yukon Gold" schmeckt gut zum gewählten Burger. Angeboten ist auch chinesische Küche. Das Lokal wird aber von echten Chinesen betrieben, nicht von solchen, die ihr Angebot an den österreichischen Gaumen angepasst haben. Da trau ich mich dann doch nicht drüber.

1. Juli 2026, Tag 28, "Canada Day" - Kanada's Geburtstag

Tag 28: 106 km, 793 hm, maximale Höhe 1033 m, 19 km/h
Gesamtstrecke: 2709 km, 15579 hm, 28 Tage(25 Fahrtage), daher: 97(108) km/d, 556(623) hm/d
Offen: 687 km, 13 Tage, 53 km/d
geschafft: 80 Prozent der Strecke in 68 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Heute bin ich schon etwas früher aufgewacht, es ist nur mehr etwa von 2:00 bis 4:00 dunkel. Um 7:00 bin ich wieder einmal der erste Kunde zum Frühstück in der "village bakery" von Haines Junction. Die hat mir irgendjemand in der Nugget City empfohlen - guter Rat.
Bei der "Old Border City Lodge" versuche ich mehrmals anzurufen - die Telefonnummer existiert nicht, wahrscheinlich auch die Lodge nicht mehr.
Um 8:40 ist Abfahrt. Es ist sonnig, das Thermometer zeigt 13 Grad und der Wind ist gar nicht so schlecht. Die Asphaltqualität wechselt wie schon so oft den ganzen Tag über die volle Spannweite.
Links von mir sehe ich sehr lange einen ähnlichen Gebirgszug wie gestern. Vor dem Hintergrund dieser riesigen Berge ist es natürlich nicht anders zu erwarten, dass irgendwann wieder ein paar Pässe zu überwinden sind. Bekanntlich haben Pässe aber zwei Seiten - eine mühevolle, aber auch eine, die einem Radler Freude bereitet.
Am Anstieg zum ersten Pass werde ich von einem laut zu seiner Musik singenden E-Biker überholt! Er ist in einem alten Bus mit seiner Frau von New Hampshire in der Nähe von Boston, USA nach Fairbanks unterwegs. Und manchmal fährt er halt ein Stück mit dem Rad. Offensichtlich hat er dann irgendwo im Bus pausiert, denn am nächsten Anstieg wiederholt sich das Spiel.
Mit erreichen der Passhöhe (3 sind's heute) bietet sich immer eine neue landschaftliche Szenerie. Eigentlich will ich nicht dauernd stehenbleiben und Fotos machen - aber ich muss.
Auf vielen Autokennzeichen aus B.C. steht die Aufschrift "Beautiful British Columbia", und wirklich: "I love this beautiful Britisch Columbia, but Yukon is really larger than life" - wie das auf vielen Tafeln hier im Yukon steht.
Ich liebe es, diese Landschaften nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren: Das Weiterkommen aus eigener Kraft, manchmal mit Hilfe der Schwerkraft, die Hitze und hier vor allem die Kälte, der trotzdem rinnende Schweiß, die Sonne am Rücken und den Regen im Gesicht, das Pfeifen des Windes und das Zwitschern der Vögel und das Sein inmitten dieser riesigen Dimensionen.
Nach 83 Kilometern esse ich das Sandwich Nummer 2 von gestern. Es ist 13:40. Wieder begegnet mir ein Radfahrerpaar auf dem Weg nach Argentinien. Er ist Franzose, sie Italienierin. Die spinnen, die Europäer - frei nach Asterix. Sie empfehlen mir für meine wahrscheinlich notwendige Campingnacht den "Deadman Lake Campground", weil es dort auch einen Unterstand gibt, unter den man sich bei Regen zurückziehen kann. Und sie haben - so wie die anderen zuvor - in Alaska auch keinen einzigen Bären gesehen. Das bestätigt mich in meinem Entschluss, diesmal ohne Bärenspray auszukommen. Ich habe noch keinen gekauft, die bisherigen Begegnungen sind harmlos verlaufen und ich bin derzeit so entspannt, dass ich überzeugt davon bin, einen Bären mit ruhiger Stimme dazu zu bringen, dass er mit einem "na, dann geh ich halt" einfach umdreht :-).
Der Bärenspray wirkt übrigens nur dann, wenn man das Vieh ganz nah ranlässt, sodass man seine Nase auch wirklich trifft. Das will ich gar nicht. Und wenn dann der Wind in die falsche Richtung geht, dann lacht sich der Bär tot ...
Bei Kilometer 98 esse ich noch den Cookie, den ich mir von der Village Bakery mitgenommen habe. Und um 15:30 bin ich in meinem Zimmer des gebuchten "Talbot Arm Motels".
Die erste Nacht nach Beaver Creek lasse ich offen. Ich werde wohl das Zelt auspacken müssen. Aber ich reserviere für die beiden folgenden Nächte in Tok. Dort stehen dann Entspannung und Vorbereiten des Endspurts auf dem Programm.
Zur Unterstützung der Recherchen hole ich mir einen Kaffee aus dem Restaurant. Und während ich beim Abendessen sitze, trudelt die Antwort des angeschriebenen "Bankstown Bike and Ski Shop" in Fairbanks ein, in der sie versichern, mir beim flugtauglichen Verpacken meines Rads behilflich sein zu können. Wieder was erledigt. Ich kann also noch besser schlafen.

2. Juli 2026, Tag 29

Der erste Grizzly, vielfältige und schwer verdiente 133 Kilometer

Tag 29: 133 km, 398 hm, maximale Höhe 897 m, 19 km/h
Gesamtstrecke: 2842 km, 15977 hm, 29 Tage(26 Fahrtage), daher: 98(109) km/d, 551(614) hm/d
Offen: 554 km, 12 Tage, 46 km/d
geschafft: 84 Prozent der Strecke in 71 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Um 7:00 sitze ich bei einem Frühstück, das für gute 100 Kilometer reicht. Um 8:40 fahre ich weg, bei 14 Grad und dazu passender Kleidung. Der Himmel ist ganz ok.
Die ersten 30 Kilometer sind mühsam: Es geht immer leicht bergauf und der Gegenwind pfeift mir um die Ohren. Die Straße zeichnet sich heute durch Schäden durch den Permafrost aus, vor denen auf Hinweisschildern auch gewarnt wird.
Bei etwa 40 Kilometern stehen ein paar Autos vor mir - und als ich vorbeifahren will, erkenne ich den Grund: Sie filmen und fotografieren einen friedlich auf der Straßenböschung grasenden Grizzly. Ich schließe mich an. So wie die anderen - durch das Autofenster :-)
Manchmal regnet es ganz leicht, dann scheint mir wieder die Sonne auf den Rücken. Der Gegenwind ist omnipräsent. Die mühsame erste Hälfte endet um 12:30 nach 67 Kilometern und erst 280 Höhenmetern. Laut Höhenprofil von Google sollte es jetzt einfacher werden.
Leider aber beginnt ab Kilometer 78 ein ewig langer Baustellenbereich mit viel Gravel. Meine Spur suche ich, den schlimmsten Schlaglöchern ausweichend, über die ganze Straßenbreite. Manche Abschnitte sind einspurig. Man muss dann hinter einem "Pilot-Car" in nachfahren. Meistens schaffe ich es, manchmal habe ich dann Gegenverkehr, weil ich nicht mithalten kann. Nach guten 20 Kilometern freue ich mich über das Ende der "construction site" und esse um 15:00 nach 106 Kilometern meine mitgebrachten Sandwiches.
Der Gegenwind und die extremen Frostschäden bleiben bis zum Schluss. Einen weiteren einspurigen Abschnitt muss ich auf dem Pilot-Car zurücklegen. Ich versuche, zu widersprechen, aber die Lenkerin sagt einfach: "It's a law". Mein Rad kommt auf die Ladefläche, ich auf den Rücksitz. Genaugenommen habe ich mir also ein paar Kilometer erspart - ich rechne sie trotzdem dazu, aus Prinzip - und weil die Angst um mein Rad auf der Ladefläche energieraubender war, als selbst zu fahren (Ein Vergleich zwischen Tacho (Raddrehung) und Handy (GPS) ergibt eine Einsparung von 6 km).
Fast hätte ich heute im zweiten Abschnitt vergessen, Fotos zu machen. An den Bäumen ist auffällig, dass sie immer schlanker, niedriger und "durchsichtiger" werden. Um 17:00 bin ich in meiner reservierten "Cabin" bei "Discovery Yukon Logings", einem RV-Park mit ein paar Hütten. 5 Minuten später regnet es - nicht lange, aber heftig. "Just in time" wieder einmal.
Im Vertrauen auf das Wetter und mein Durchhaltevermögen reserviere ich einen der letzten unbedingt notwendigen Stützpunke bei "Alaska Homestead Roadhouse" - Ist ziemlich aufwändig, da die schon im Vorhinein meine ID haben wollen, ein paar Mails wandern hin und her, dann habe ich meine Bestätigung.
Fast als Belohnung wird mir dann mein schon vor Tagen per mail bestelltes Dinner und das Frühstück für morgen in die Hütte serviert. Und ich genieße das Dach über dem Kopf, während es draußen fallweise ziemlich kräftig regnet. Morgen soll es wieder schöner werden.
Apropos morgen: Da ist daheim Schulschluss. Ich wünsche allen, die in irgendeiner Form mit Schule befasst sind, insbesondere allen in meiner Familie, erholsame Ferien - ihr habt es euch sicher verdient! Über einschlägige Fotos per Signal freue ich mich.
Und der Abteilung Elektotechnik an der HTL St. Pölten wünsche ich einen schönen Abschlusstag beim traditionellen Wandern, Sessellift-Fahren, Biken oder E-Biken auf die Hinteralm. In Gedanken fahre ich mit euch - die Straßenverhältnisse morgen sind voraussichtlich ähnlich, wie auf die Hinteralm ... Fotos mag ich auch von euch.
Und da sind meine Medien des Tages:

3. Juli 2026, Tag 30, dreckig und nass - aber kurz

Tag 30: 53 km, 240 hm, maximale Höhe 819 m, 18 km/h
Gesamtstrecke: 2895 km, 16217 hm, 30 Tage(27 Fahrtage), daher: 97(107) km/d, 541(601) hm/d
Offen: 501 km, 11 Tage, 46 km/d
geschafft: 85 Prozent der Strecke in 73 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Heute habe ich Zeit, schlafe daher länger und genieße mein Frühstück erst um 8:00. Während ich noch ein paar Regengüsse abwarte, beschäftige ich mich mit Duolingo - da komme ich fast mehr zum Reden, als an einem sonst üblichen Tag - mangels Gesprächspartner.
Beim Checkout frage ich Amanda Harris, die Chefin hier, eine geborene Irin über meine möglichen morgigen Ziele: Die "Old Border City Lodge" kurz nach der Grenze gibt es wirklich nicht mehr und bei "Northway Junction" bestätigt sie mir meinen Wissenstand. Dort ist eine Tankstelle, man kann Lebensmittel kaufen, auch warmen Kaffee und irgendwo kann ich dort mein Zelt aufstellen.
Ich bedanke mich für die Informationen und mit einem Blick nach draußen verabschiede ich mich um 10:20 mit der Bemerkung: "there is no bad weather, there are only bad clothes" - Es regnet noch immer und das Thermometer zeigt 9 Grad.
Ähnlich wie gestern geht es weiter: Der Permafrost prägt die Straßen, die Temperaturen die Vegetation. Auf etwa der halben Strecke treffe ich wieder einen schwer bepackten Argentinien-Radler: Ethan, aus Israel, bewundert meine Leichtgewicht-Ausstattung. Wir sind uns einig darin, dass das Wetter so besser ist, als 40 Grad in der Sonne.
Trotz des Wetters und der konzentrierten Fahrt zwischen den Schlaglöchern (1/3 Gravel, 1/3 schlechter Asphalt, 1/3 geht so) finde ich Zeit für ein paar Fotos. Die Berge rücken immer weiter in den Hintergrund, das Land wird flacher ... aber damit leider auch anfälliger für den Wind.
Um 14:00 bin ich am Zimmer von "Ida's Motel und Cafe" in Beaver Creek, dem letzten Dorf in Kanada, keine 40 Kilometer sind es mehr bis zur Grenze nach Alaska, USA. Beim Versorgen des Materials stelle ich fest, dass das bis jetzt wohl der dreckigste Tag war - Aber zumindest das Wetter soll laut Prognose besser werden.
Nach den ersten Routinearbeiten kaufe ich mir einen Kaffee im zugehörigen Restaurant - ich bin ich der einzige Gast. Ein kurzer Rundgang führt zur Tourist-Information, wo ich kaum klüger werde über die nächsten beiden Tage. Das "Buckshot Betty's" disqualifiziert sich für das Abendessen, weil dort auf einem Schild "no laptops" steht und beim Einkaufen finde ich passende Lebensmittel.
Schnell fülle ich noch online das I-94-Formular für die Einreise in die USA aus, damit es morgen schneller geht. Und dann setze ich mich wieder in "Ida's Restaurant" zum Dinner. Ich bin wieder fast der Einzige.
Seit ich in Beaver Creek bin, habe ich übrigens wieder Mobilnetz (Telefon+Daten). Es ist schneller, als das WiFi hier. Und laut Netzabdeckungsplan sollte das, von ein paar weißen Fleckchen abgesehen, bis zum Schluss so bleiben, auf der ganzen Strecke. Ich werde aber trotzdem während der Fahrt in den Flugmodus schalten, das ist energiesparender.

4. Juli 2026, Tag 31, Ich bin in Alaska!

Tag 31: 77 km, 333 hm, maximale Höhe 696 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 2972 km, 16550 hm, 31 Tage(28 Fahrtage), daher: 96(106) km/d, 534(591) hm/d
Offen: 429 km, 10 Tage, 43 km/d
geschafft: 87 Prozent der Strecke in 76 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

4G und 5G sei Dank geht auch der heutige Tagesbericht aus dem Nirgendwo rechtzeitig online:

Gestern habe ich noch meine Reifen intensiv geputzt (eine alte Zahnbürste ist im Gepäck): Bei der gestrigen Fahrt haben sich sehr viele kleine spitze Steine mit Teer daran verklebt. Das könnte zu einem unnötigen "flat tire" führen.
Heute führt der erste Weg ins einzige Store hier. Ich habe zwei Tage zu bewältigen, kaufe also für drei Tage ein. Unter anderem sind etwa fünf Liter Wasser "an Bord". Beim Frühstück um 8:00 spreche ich 2 Männer an, die mir nach Radfahrern ausschauen. Es sind Vater und Sohn aus Deutschland - die anderen, denen ich begegnet bin, haben sie schon angekündigt und wegen der Laufschuhe von ASICS habe ich vermutet, dass die das sind.
Sie sind Richtung Süden unterwegs, wahrscheinlich bis Mexiko. Der Bua ist mit seinen 22 Jahren schon bis Singapur gefahren, nur durch die Mongolei (glaub ich) mit dem Zug. Der Papa ist etwas skeptisch, mein Alter gibt ihm aber Hoffnung, dass er es auch schaffen kann. Sie haben keine kanadischen Dollars, ich keine US-Dollars, wir tauschen also (zum Tageskurs). Sie waren am Lakeview-Campground, ich ziehe ihn für heute auch in Betracht.
Während des Frühstücks kaufe ich mir noch eine eSIM, wieder von ByteSim, diesmal aber für die USA mit Roaming in Kanada (und Mexiko). Sollte die alte doch nicht funktionieren, dann bin ich abgesichert. Etwa 19 Euro für 10 Tage mit Telefonie und unbeschränkt Daten.
Ich warte heute lange mit dem Start, weil ich Zeit habe und es noch immer regnet. Um 10:30 fahre ich aber trotzdem weg. Mit der kompletten Regendress halt, die ich im Laufe des Tages stückweise ablegen kann. Die Straße ist schlecht, im Vergleich zu den letzten beiden Tagen aber traumhaft.
An der Grenze ist alles schnell erledigt, ich habe schon alles online gut vorbereitet und der freundliche Officer beendet seine Amtshandlung mit den Worten "Welcome US".
Schon kurz vor der Grenze springt die Uhr um eine Stunde zurück - die Differenz zur Heimat beträgt also jetzt 10 Stunden. Alaska begrüßt mich mit bestem Asphalt, damit hätte ich es wahrscheinlich in einem Tag bis Tok geschafft.
Im Visior-Center ein paar Kilometer nach der Grenze hole ich mir einen Kaffee (for free) und bekomme wieder Informationen über die möglichen "Niederlassungen" für heute. Wenn mir die 2 Kilometer lange Zufahrtsstraße dort gefällt, dann entscheide ich mich für den "Deadman Lake Campground"
Bei etwa 60 Kilometern begegne ich auf einem Parkplatz einem Mann aus Seoul, der GEHT nach Argentinien. Gestartet ist er daheim, irgendwie nach Anchorage und von dort ist er schon bis hierher. Nach Argentinien rechnet er 4 Jahre. Seine Habseligkeiten schiebt er in einem Kinderwagen von Thule vor sich her, den er in Anchorage gekauft hat. Leute gibt's.
Die Zufahrtsstraße wirkt Vertrauen erweckend, daher bin ich um 16:00 am Campground. Das ist ein unbetreuter Platz, liegt am See, hat Toiletten und eine "Shelter", in der steht: "Welcome ... enjoy your stay". Und ich entscheide mich dafür, nicht mein Zelt aufzustellen, sondern in dieser riesigen Hütte am Boden (mit der Matte dazwischen ;-)) zu schlafen, in einer windstillen Ecke.
Ich bin nicht allein auf dem Platz. Da ist wieder dieser Elektroradler, der von seiner Frau im Bus begleitet wird und mich schon ein paarmal singend überholt hat. Er setzt sich ein wenig zu mir und erzählt, dass er wirklich alles gefahren ist von New Hampshire weg. Mit 74 darf man elektrisch :-).
Und da ist noch eine Familie aus der Schweiz, die unmittelbar neben "meinem" Shelter ihren (gemieteten) RV parkt. Ich darf mich beim Abendessen zu ihnen setzen und ein wenig auf Deutsch plaudern. Es gibt heute Eintopf aus der Dose mit Gebäck, als Nachspeise ein paar Stück vom frischgefangenen Fisch des Schweizers. Nach dem Essen kommen alle Vorräte und die Toilet-Artikel in die "Baer-Proof-Box" am Platz.
Und hier wieder die Fotostrecke - das Video ist von der Einfahrt in Alaska, wo man den traumhaften Asphalt sehen und die nochmal weitere Landschaft vielleicht ein wenig spüren kann.

5. Juli 2026, Tag 32, 3000er gefallen

Tag 32: 102 km, 610 hm, maximale Höhe 658 m, 20 km/h
Gesamtstrecke: 3074 km, 17160 hm, 32 Tage(29 Fahrtage), daher: 96(106) km/d, 536(592) hm/d
Offen: 327 km, 9 Tage, 36 km/d
geschafft: 90 Prozent der Strecke in 78 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Gestern Abend bin ich noch lange am See gesessen und habe einfach geschaut: ruhiges Wasser, gesäumt von frischem Grün der vollkommen unverbauten Ufer, weit im Hintergrund schneebedeckte Berge, dazwischen nur Natur; ein Adler im Baumwipfel, der sich dann einen Fisch holt. Einfach nur Ruhe, in der ich versunken bin. Erst ein kräftiger Regenguss zwingt mich zum Ende der beschaulichen Stunde und bestätigt meine Entscheidung für diesen Platz mit der Hütte.


Die Hütte hat keine Fenster, sondern nur Moskitonetze - ich habe also schon mal mehr geschwitzt beim Schlafen. Nach und nach habe ich fast meine ganze Kleidung angelegt in der Nacht. Finster war es nie richtig und um 5:30 treibt mich die Kälte endgültig aus dem Schlafsack. Es hat 7 Grad - ich stell mich in die ersten Sonnenstrahlen und lass mich auftauen ;-)
Zum Frühstück gibt es meinen Haferbrei, dazu einen Apfel, etwas Brot und die Cabanossi. Um 8:05 zeigt sich der Himmel blau, ich bin der noch immer niedrigen Temperatur entsprechend angezogen und trete wieder in die Pedale. Nach der Zugangsstraße zum Platz geht es wieder auf traumhaftem Asphalt weiter Richtung Nordwesten.
Um 9:50 habe ich den "Northway Junction" erreicht, eine Tankstelle mit einem kleinen Geschäft. Ursprünglich wollte ich hier mein Zelt aufzustellen - ich nütze es zum Kauf eines ersten großen Kaffees und eines Muffins und hole mir vom Geldautomaten noch ein paar US-Dollar. Der gibt mir seine Anweisungen nach Stecken der Karte sogar in Deutsch.
Mittlerweile ist es warm genug, um zum "Sommerkleid mit Windjacke" zu wechseln. Es geht weiter bei wenig Verkehr über ein paar Frostschäden mit etwas Gegenwind, und fallweise leichtem Regen. Der entwickelt sich aber doch so weit, dass ich die nächsten 20 Kilometer wieder mit der vollen Regenkleidung abzuspulen habe.
Wieder im Trockenen nehme ich am "Tetlin Junction" wie üblich mein "Stehlunch" ein. Ich treffe wieder einen Radler, der von Anchorage nach Vancouver unterwegs ist. Und nach einem kurzen Informationsaustausch geht es bergab mit Rückenwind auf die etwa 13 Kilometer lange Zielgerade, die tatsächlich gerade ist (vgl. Karte). Vor Augen habe ich dabei die nächste immer näher rückende Bergkette - über die ich glücklicherweise nicht drüber muss.
Um 14:40 bin ich im Zimmer des "Young's Motel" in Tok. Und um 14:50 zieht ein kurzes aber regenintensives Gewitter über den Ort. Passt zur Vorhersage, ich bin schnell genug gefahren.
Das Wetter ist hier offensichtlich sehr schwer vorhersehbar - die Vorschau ändert sich oft alle paar Stunden. Es ist trotzdem sinnvoll, sie anzuschauen, ein paar mal täglich halt. Man kann dann versuchen, sich die Zeit einzuteilen und/oder sich auf die Situation einzustellen. Nicht zu fahren ist eigentlich keine sinnvolle Alternative - vor allem dann, wenn man gebucht und bezahlt hat.
Hier in Tok habe ich übrigens für zwei Nächte gebucht. Es ist wieder mal Zeit zum Rasten und ich habe Zeit. Seit dem letzten Rasttag in Whitehorse sind es gute 600 Kilometer - also von Wien nach Bregenz, mit einer kleinen Ortschaft pro Bundesland. Das Relaxen beginnt heute Abend mit einer riesigen Pizza und zwei Bier in "Fast Eddy's Restaurant", gleich neben dem Motel. Ich hab eh nur "medium" bestellt, aber da bleibt noch was für das morgige Lunch.
Das Wetter zeigt sich nach dem Abendessen wieder von seiner schöneren Seite: blauer Himmel und gute 20 Grad. Zusammen mit dem Tageslicht ist das eine Einladung zu einem kleinen Rundgang.

6. Juli 2026, Tag 33, Ruhe und Service in Tok

Tag 33: 0 km, 0 hm, maximale Höhe 508 m (Tok), 0 km/h
Gesamtstrecke: 3074 km, 17160 hm, 33 Tage(29 Fahrtage), daher: 93(106) km/d, 520(592) hm/d
Offen: 327 km, 8 Tage, 41 km/d
geschafft: 90 Prozent der Strecke in 80 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Gestern war ich dann doch nochmal draußen, auf ein kleines Bier im Pub daneben - kein Mehrwert, austrinken, bezahlen.
Heute gehe ich erst nach(!) Acht zum Frühstück und denke über die nicht selbstverständliche Tatsache nach, dass das Mobilnetz hier traumhaft ausgebaut ist. Ich habe jetzt (neben meiner Bob-Sim) noch die Nordamerika-eSim und die "alte" SIM von der "Cross-USA-Tour" im Jahr 2022 in meinem Telefon. Letztere verwende ich derzeit, sie funktioniert einwandfrei. Ich erinnere mich noch genau an die Situation damals: Mein Telefon war kaputt, nach langem Suchen habe ich einen T-mobile-Shop gefunden und habe meine Route so gewählt, dass sie dort vorbeiführt. Die Verkäuferin hat mir ein neues Telefon verkauft, konnte es aber nicht mit meiner mitgebrachten, im Internet besorgten SIM aktivieren. Sie musste mir einen T-mobile-USA-account anlegen, was nur für amerikanische Staatsbürger geht. Irgendwie hat sie es trotzdem geschafft. Ich habe im zugehörigen Account vor ein paar Wochen wieder einsteigen, es mit Dollars "refillen", und einen für mich passenden Tarif wählen können. Das Internet macht die Welt kleiner und einfacher. Meine Tour wäre in dieser Form ohne das Internet nicht möglich. Dass es auch viele negative Seiten hat, darüber bin ich mir nur allzu bewusst. Aber wir kennen ja alle den Vergleich: mit einem Küchenmesser kann man auch verschiedenes machen ...
Zurück im Quartier geht es erst mal wieder an eine intensivere Körperpflege, damit ich mich selber wieder mag. Per email mache ich eine Anfrage im letzten Motel vor Fairbanks, das irgendwie mit der US-Army zusammenzuhängen scheint, das "Goldrush Inn", das ich unbedingt brauche, um nicht 170 Kilometer in einem Tag zu erledigen.
Dann führt mein Weg auf die andere Straßenseite (ein paar hundert Meter also) zur Wäscherei bei der Tankstelle. Am Automaten lasse ich einen 20-Dollar-Schein auf 25-Cent-Stücke wechseln, ein unnötig großer Haufen an Münzen :-(, den ich aber am Rest des Tages noch ausgeben kann. In der Zeit, die Waschmaschine und Trockner brauchen kann ich mich im zugehörigen Store nach ein wenig Verpflegung für die nächsten Tage umschauen und meine Mails abrufen und beantworten. Darunter sind auch die Energierechnungen, sodass ich auch die Excel-Tabelle über den Verbrauch und die Kosten für Strom ausfüllen kann. Zu meiner Freude sinken die Kosten seit Installation der Photovoltaik sehr deutlich und immer mehr.
Zu meiner Freude trudelt auch schon die Antwort des Goldrush Inn ein: Sie haben mich eingebucht. Dürfte tatsächlich auf einer Air-Force-Basis liegen. Ich werde zum ersten Mal in Nordamerika mit meinem Titel angesprochen (ist in meiner Signatur), bei der Unterschrift steht eine Abkürzung, vermutlich für irgendeinen militärischen Dienstgrad und die Reservierung wird - ohne Credit-Card-Details bis "1800" gehalten. Überall sonst wird in Nordamerika "6 pm, ganz selten 18:00, nie aber 1800" verwendet. Nachdem ich meine Kreditkartendetails hingeschickt habe, kommt eine Stunde später auch die garantierte Buchungsbestätigung - von "Air Force Inns".
Auf dem "Heimweg" hole ich mir einen Kaffee und einen "Blueberry-Cheese-Cake" bei "Auntie Helena's Coffee House".
Schließlich wird die restliche Ausrüstung und das Rad für den Endspurt gepflegt. Geputzt werden dabei nur die Teile, die sich richtig bewegen müssen. Jetzt darf einfach nichts mehr sein! Das keramische Schmiermittel für die Kette ist auch gut für den Reißverschluss an den Regenschuhen, auch der soll im Bedarfsfall nicht klemmen oder gar kaputtgehen.
Während ich die Pizza-Reste von gestern verspeise, reserviere ich noch ein Hotel für die ersten Tage in Fairbanks - ja Hotel, dort wird es voraussichtlich teuer, wenn ich nicht in einen Schlafsaal möchte ...
Bis zum Heimflug fehlen dann noch ein paar Nächte - schau ma mal, was Fairbanks und die Umgebung zu bieten haben.
Der Nachmittag führt zu Fuß etwa 1,5 Kilometer ins "Zentrum" mit einem größeren Store. Dort besorge ich den Rest der notwendigen Verpflegung. Ich habe morgen zwar ein Quartier, aber keine Verpflegungs- und Einkaufsmöglichkeit in der Nähe.
Außerdem besorge ich jetzt doch einen Bärenspray. Der Officer an der Grenze hat gemeint, dass die halt keinen Hunger hatten, als ich ihm von meinen bisher friedlichen Begegnungen erzählt habe. Und er hat mir auch gleich den Hinweis auf den richtigen Store in Tok gegeben. Gleich gegenüber von meinem Motel (Bei der Amtshandlung hat er nach meinen Plänen und Zielen für die nächsten Tage gefragt).
Und auch eine neue Brille kommt in den "Einkaufskorb". Bei meiner sind die Schrauben locker (nur bei der Brille ;-)) und lassen sich einfach nicht mehr festziehen. Die Neue ist fast das gleiche Modell, wie die alte, vielleicht ein wenig stärker ...
Zum Abendessen gehe ich wie gestern gleich neben dem Motel in das "Fast Eddy's Restaurant". Und nach einem Rundgang draußen doch noch mal ins Nachbar-Pub.
Morgen stehen 145 Kilometer auf dem Programm, vorher war einfach wieder nix zu finden, kein Geschäft, keine Niederlassung - einfach nix. Es dürfte aber keinen Regen geben, es sind sehr wenige Höhenmeter zu bewältigen und es sollte insgesamt bergab gehen. Außerdem sagt die Wettervorschau Rückenwind an. Wenn das alles morgen früh auch noch stimmt, dann wird es ein guter Tag. Guten Morgen Heimat, ich geh' schlafen.

7. Juli 2026, Tag 34, 145 km mit 26 km/h Schnitt

Tag 34: 146 km, 135 hm, maximale Höhe 533 m, 26 km/h
Gesamtstrecke: 3220 km, 17295 hm, 34 Tage(30 Fahrtage), daher: 95(107) km/d, 509(577) hm/d
Offen: 182 km, 7 Tage, 26 km/d
geschafft: 95 Prozent der Strecke in 83 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Langsam machen die Zahlenspielereien Spaß :-)

Anstelle des Nachbarpubs bin ich gestern nochmal ins "Fast Eddy's" gegangen, weil ich gesehen habe, wie dort 2 Radfahrer ankommen. Ich spreche die einzigen Personen im Lokal an, die nach Radlern ausschauen und frag sie, woher sie kommen. Die Antwort: "Austria". Der Rest des langen Quatschens bei einem guten Bier verläuft im Ober- und Niederösterreichischen Dialekt. Alex ist gebürtiger Oberösterreicher, vermutlich aus Gallspach. Marijke ist Holländerin mit Wurzeln in Südafrika. Sie haben von allen, denen ich begegnet bin, das bisher gewaltigste Projekt: Der meiner Meinung nach schwierigste Teil liegt schon hinter ihnen: Sie sind in "Prudhoe Bay" gestartet, am nördlichsten Ende von Alaska, und haben bis Fairbanks etwa 800 Kilometer auf unbefestigter Straße durch echtes Niemandsland bewältigt. Nur eine Poststelle liegt etwa in der Mitte dieser Strecke, dort haben sie vorher ein Essenspaket hingeschickt. Und wie so viele wollen auch sie jetzt ganz bis ans südlichste Ende von Südamerika. Den beiden kann man natürlich auch folgen:
Marijke und Alex
Um 8:45 starte ich heute im "Sommerkleid mit Windjacke". Die beiden Landsleute machen heute einen Pausentag. Wir wünschen einander nochmals einen "safe ride" und dann geht es ans Treten bei optimalen Bedingungen: Die Wettergötter halten sich an die Vorhersage der Meteorologen, daher bleibt es den ganzen Tag trocken und ich spüre, wie der Wind mich schiebt. Einfach super, ich fliege förmlich über die 145 Kilometer. Am Tachometer ist meistens ein Dreier vorne :-)
Die erste Kurve mache ich erst nach 21 Kilometern, ich rücke dabei immer etwas näher an die vor mir liegende Bergkette, die schon 15 Kilometer vor Tok zu sehen ist. Die Bäume werden immer niedriger, je weiter ich nach Norden komme. Irgendwann beginnt das Lenkerband, sich "runterzuwursteln" - ich sichere es mit Tape, das muss für den Rest der Strecke reichen. Neu gewickelt wird daheim, vom Profi.
Irgendwie ist es eigenartig: je weiter ich in das kalte Alaska komme, desto wärmer wird es - nach 70 Kilometern ziehe ich die Windjacke aus. Der kleine See auf einem der Fotos heißt treffenderweise "Dot Lake" - ein Pünktchen für einen See.
Erst nach 102 Kilometern gibt es die übliche Stehjause, nach dem üppigen Frühstück wäre sie noch immer nicht notwendig. Der Verstand rät aber zu einer Pause.
Landschaftlich sind heute weniger Highlights als bisher zu verzeichnen - oder ich bin schon zu verwöhnt. Ich fürchte schon, dass es mir zu Hause zu eng wird und ich mehr als 1 Menschen auf ein paar Quadratkilometer gar nicht aushalte :-).
Die letzten 30 Kilometer geht es (von oben gesehen) wieder "schnürlgerade" Nur ein paar Geländekuppen und die Auflösung der Augen verhindern, dass ich nicht bis zum Tagesende sehen kann.
Nach 121 Kilometern zwinge ich mich nochmals zu einer Pause mit einem Apfel und begegne wieder zwei Radlern - zum ersten Mal ein Paar aus den USA, nicht aus Europa. Und um 15:30 bin ich in einem der Häuschen von "Alaska Homestead Roadhouse".
Nach den üblichen Routinetätigkeiten sehe ich mich ein wenig im kleinen Store im Areal um und hole mir einen Nachmittagskaffee.
Die wenigen Organisationsarbeiten drehen sich kaum mehr um die letzten Tage der Tour, sondern eher um die paar Tage, die mir in Fairbanks übrig bleiben. Ich möchte sie nutzen, wenn ich schon mal da bin.
Zum Abendessen wärme ich den mitgebrachten Eintopf in meinem Geschirr auf dem E-Herd. Dazu passend hat heute sogar eine Dose Bier in den Untiefen der Packtaschen Platz gefunden :-)
Und vor den Bildern noch die heutigen Schlussgedanken:
- Nachdem ich noch nie einen Radler überholt habe und ich auch nicht überholt wurde, kann man drei Schlüsse ziehen: Entweder fahren alle gleich schnell wie ich, oder die Abstände voneinander sind einfach zu groß, oder es fährt niemand in diese Richtung. Ich tendiere zur letzten Möglichkeit.
- Wenn man am "Kasterl rechts oben" bei den Karten klickt, dann kann man in ein paar Schritten, eventuell mit Hilfe des "Dreipunkterlmenüs" auch in GoogleEarth alles anschauen.

Die Entfernungsangaben in den USA erfolgen in Meilen, 1 Meile sind etwa 1,6 Kilometer

Der Straßenbelag über die Brücke ist aus Holz!

Die Hütte von innen und endlich richtig "bewaffnet"

8. Juli 2026, Tag 35, taktische Kurzstrecke

Tag 35: 36 km, 11 hm, maximale Höhe 405 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 3256 km, 17306 hm, 35 Tage(31 Fahrtage), daher: 93(105) km/d, 494(558) hm/d
Offen: 146 km, 6 Tage, 24 km/d
geschafft: 96 Prozent der Strecke in 85 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Wie schon gestern festgestellt: Das Spielen mit den Zahlen macht jetzt schon Spaß.

Die heutige Strecke dient dazu, dass ich morgen nicht schon wieder gute 150 fahren muss. Mittlerweile weiß ich zwar, dass das möglich ist, aber es ist nicht notwendig, weil ich ausreichend Zeit habe. Es hätte auf diesen heutigen 36 Kilometern sogar mehrere Nächtigungsmöglichkeiten gegeben - ich habe einfach die genommen, die die kleinste Entfernung zum nächsten Ziel hat.
Hauptbestandteil des heutigen Frühstücks erst(!) um 8:00 ist wieder mal mein warmer Haferbrei mit Apfel. Kaffee gibt es heute keinen, weil der Store - entgegen der gestrigen Versprechungen des Betreuers - heute geschlossen ist. Nachdem ich heute viel Zeit habe, plaudere ich wieder mal mit Sylvia am Telefon - und mit Robert, der grad zu Besuch bei ihr ist.
Erst um 10:10 habe ich das Rad wieder zwischen den Beinen. Und während ich wie üblich die Apps am Handy starte, das WLAN aus- und die Lichter am Rad einschalte, fährt wieder der Typ mit seinem E-Bike vorbei und winkt mir. Aja, das ist der einzige, der in die gleiche Richtung fährt wie ich :-)
Die Strecke ist bis Delta Junction eine Fortsetzung der Geraden von gestern. In Delta Junction fahre ich etwas unschlüssig im Kreis, weil ich mich zu entscheiden habe zwischen "Durchfahren bis ans Tagesziel und dann mit einem Uber (ja, die gibt's hier schon) zum Einkaufen und Abendessen zurück" oder "gleich Einkaufen, auch fürs Abendessen und weiter ans Ziel".
Ich entscheide mich für die letzte Variante, sie erscheint mir sauberer im Hinblick auf "keine Hilfsmittel, nur mit dem Rad". Und ein Kaffee und ein Sandwich in einem kleinen Cafe ist zeitlich auch noch locker drin. Dabei werde ich von einer Dame auf Deutsch angesprochen (sie hat beim Bestellen meinen Akzent gehört). Sie lebt seit 30 Jahren hier und stammt aus dem Ruhrgebiet. Ich habe sie gestern auf dem Highway auf ihrem Fatbike überholt. Und sie hat offensichtlich ein riesiges Bedürfnis nach Verwendung ihrer Muttersprache ;-)
Schon um 13:15 bin ich am Ziel, dem "Alaska Frontier Inn". Dort habe ich wieder elektronisch eingecheckt. Per mail bekomme ich die Zimmernummer und den Key-Code - der aber erst ab 16:00 funktioniert. Ich habe zwar auch einen "early-check-in" ab 12:00 gemacht, der dürfte aber im Datennirvana untergegangen sein. Glücklicherweise aber ist grad ein Betreuer anwesend, der mich reinlässt und meinen Code freischaltet.
Der Nachmittag vergeht - während es draußen der Vorschau entsprechend regnet :-) - im warmen Zimmer mit der Planung der freien Tage in und um Fairbanks. Ich werde das Tagebuch weiterführen bis zur Landung in Wien.

Am einzigen Foto des Tages sieht man einen Teil meiner alten und neuen Vorräte, darunter auch das heutige Abendessen - wieder Eintopf. Wirklich gute andere Fotomotive habe ich nicht gefunden, vielleicht wird es morgen wieder besser. Momentan aber wird die Landschaft eher zur Kulturlandschaft. Die Anzeichen von Zivilisation sind immer deutlicher zu spüren, je näher Fairbanks rückt. Das sorgt für sehr gemischte Gefühle: Es ist entspannend, dass das Sicherheitsnetz mit der Zivilisation wieder stärker wird, gleichzeitig spüre ich aber große Wehmut, dass das Erleben dieser unendlichen Weiten, der Unberührtheit der Natur, der Ruhe und Einsamkeit, des Weiterkommens aus eigener Kraft, das Spüren der eigenen Verantwortung, das Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein und die Kraft, die man daraus schöpft, die Bedeutung des "Selbst-bewusst-Seins", sich einem Ende nähern. Das Glücksgefühl, es jetzt schon fast geschafft zu haben, mischt sich mit dem Gefühl eines Abschieds von dem, was mich wochenlang fasziniert und vereinnahmt hat. Es gilt, was ich schon auf meiner Reise zum Nordkap festgestellt habe: Ein Ziel - in diesem Fall Fairbanks - dient nur dazu, einen Weg festzulegen. Es wird erst im Bewusstsein dieses langen, erlebnisreichen und eindrucksvollen Weges zu etwas Besonderem. In diesem Sinn ist für mich nach wie vor "der Weg das Ziel".
Aber um vom Schweben in Gedanken wieder auf den Boden der nackten Realität zu kommen: Die Kombination aus Wettervorschau und notwendiger Distanz lässt erwarten, dass ich mich morgen wieder spüren werde. Ich wünsche allen, die beim Fahren gedanklich auf meinen Schultern sitzen und eifrig mittreten, einen wunderbaren neuen Tag. "May the force be with you" :-)

9. Juli 2026, Tag 36, 100 Kilometer Regen (von 128)

Tag 36: 128 km, 316 hm, maximale Höhe 417 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 3384 km, 17622 hm, 36 Tage(32 Fahrtage), daher: 94(106) km/d, 490(551) hm/d
Offen: 22 km (bis zum Hotel in Fairbanks), 5 Tage, 4,4 km/d :-), soviel zum Sinn so mancher Statistik :-)
geschafft: 99 Prozent der Strecke in 88 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.

6:15 Uhr: Tagwache, es regnet leicht und ist kalt ... die Strecke ist aber trotzdem zu schaffen.
7:00 Uhr: der Regen wird weniger, ich mische das angebotene (unbetreute) Frühstück mit meinen Vorräten und krieg was vernünftiges raus. Kaffee ist genug da.
8:00 Uhr: es "schifft", wird aber wärmer und die Vorhersage ist für den Norden, in den ich fahre, besser.
9:30 Uhr: Es regnet - ich lege die entsprechende Kleidung an und fahr weg. Was soll's, es gibt eben kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung - und die hab ich nicht. Ich geh es gemütlich an, damit ich nicht von innen auch nass werde - denn dann wird es kalt.
10:30 Uhr: Ich habe 20 Kilometer hinter mir, es regnet.
Es ist relativ flach, große Ausblicke sind - vielleicht wegen der Bewölkung - nicht viele zu finden. Meine Begleiter sind der Tanana River und viel Taiga.
11:30 Uhr: Der Regen macht kurz Pause, die Straße bleibt nass, Gegenwind setzt ein und die erste Bergwertung ist geschafft.
Wieder im Regen begegnet mir der nächste Radfahrer: Paul aus Australien, wir sind gleich alt, er bedankt sich beim Verabschieden für den chat.
Ein paar Kilometer später schon wieder zwei, diesmal aus Tschechien. Und als mich nach ein paar weiteren Kilometern ein junger Radler aus Texas anspricht, denke ich an Inflation.
Der Verkehr ist heute intensiv, er stresst ein wenig. Ich bin es nicht mehr gewohnt. Am Cassier Highway hat die Straße mir allein gehört, jetzt muss ich wieder aufpassen.
12:30 Uhr: ich habe vergessen, mir eine Notiz zu machen.
13:30 Uhr: Ich habe 63 Kilometer und etwa 320 Höhenmeter.
14:30 Mit dem Regen scheint es aus zu sein. Es ist aber noch alles nass. Als Lunch gibt es heute nur einen Energy-Riegel, das Stehenbleiben ist nicht besonders prickelnd und der Riegel muss reichen.
Bald werde ich mir sicher, dass mein gebuchtes Quartier, das "Gold Rush Inn" auf der Air Force Basis liegt. Einige Kilometer geht es entlang des eingezäunten Flugfelds. Dass es in Alaska eine Luftwaffenbasis gibt, ist eigentlich klar: Russland ist hier sehr nahe.
Kurz nach 16:00 biege ich auf die Zufahrtstraße ein, komme zum Wachposten - und dann ist es aus.
Die beiden jungen Wachsoldaten sind vollkommen überfordert, bald kommt die Militärpolizei mit zwei Mann dazu und schließlich noch zwei kompetente Leute von irgendeiner Security. Alle fragen mich ewig aus - woher, wohin, warum, wie oft, ... Ich muss den Pass und meine Reservierungsbestätigung herzeigen, sie behalten alles bis zum Schluss und die GoPro muss ich vom Lenker in den Rucksack geben.
Sie sind alle in Schutzwesten und bewaffnet und auf die Frage, ob ich Waffen mit mir führe, antworte ich wahrheitsgemäß mit "Baerspray and Mosquito-Spray, the last one is more important". Es sind durchaus interessante und interessierte Gespräche, alle sind nett und freundlich, aber am Ende teilen mir der Mann und die Frau von der Security mit, dass sie mich nicht reinlassen können. Die Leute an der Rezeption machen das leider öfter, dass sie irgendwelche Reservierungen annehmen.
Ich bekomme die Empfehlung, nach North Pole weiterzufahren - sind nur mehr 9 Meilen. In Anbetracht dessen, was ich bisher gefahren bin, ist das - so die Meinung der beiden - nur ein Klacks. Sie helfen mir noch beim Buchen eines Ersatzes und versprechen, dass sie darauf schauen, dass meine Kreditkarte vom Goldrush Inn nicht belastet wird. Das vermutlich einzige Hotel am Weg ist das "Hotel North Pole", sauteuer - darum wollte ich es vermeiden. Aber nach 120 Kilometern bei diesen Bedingungen denkt man nicht mehr lange nach. Ich buche. Die beiden bedanken sich für meine Geduld, wünschen mir einen "safe ride", bleiben aber solange bei mir, bis ich sicher in die Gegenrichtung unterwegs bin. Und ich bedanke mich für das "interesting adventure" bei ihnen.
Die 14 Kilometer sind auf trockener Straße und mit plötzlich einsetzendem Rückenwind gleich abgespult und um 17:45 bin ich im Zimmer des "Hotel North Pole". Es passt zum Preis, luxuriös und riesig. Und ich spüre, dass ich heute müde bin. Und dass die Spannung nachlässt, die ich in Gesellschaft der Militärs dann doch gespürt habe.
Während der ersten Routinearbeiten esse ich ein paar Happen, koche mir - aufgrund der Tageszeit koffeinfreien - Kaffee und mache mich auf den Weg zum einzig vernünftigen Lokal in der Umgebung. Es gibt gebratenen Reis beim Chinesen und zwei Bier dazu. Bedient werde ich von einer Deutsch sprechenden Kellnerin: Die Mama ist aus Würzburg, der Papa bei der US Army. Am Heimweg kaufe ich mir beim "Safeway" noch ein Bier und das erste kleine Sackerl Chips. Der ohnehin nicht sehr große Schwimmschlauch an meinen Hüften ist vollkommen verschwunden und muss wieder genährt werden :-).

Zum Abschluss des Tages möchte ich an meine gestrigen Schlussgedanken anknüpfen und versuchen, meinen "Zustand" in den letzten Wochen deutlicher zu beschreiben: Man darf sich den nicht als das Erleben einer Aneinanderreihung von Highlights vorstellen. Man muss dabei eher an einen "Dauerrausch" denken, aber ohne Exzess. Es gibt keinen Adrenalinkick wie etwa beim Bungee Jumpen. Entgegen einem Rausch durch Drogen bin ich dabei aber voll konzentriert und klar im Kopf, jede Bewegung funktioniert einwandfrei und ich bin vollkommen bei mir, weit weg - aber genau da, wo ich bin. Zu Hundert Prozent.
Das nahe Ziel und das Spüren der Zivilisation fühlt sich jetzt ein wenig so an, als würde man mir die Droge langsam - nein, viel zu schnell - entziehen. Die wohl treffendste Beschreibung davon ist: Es ist ernüchternd, ich hoffe auf einen "Dauerschaden", der es mir möglich macht, das Gefühl dieses Ausnahmezustands immer wieder wenigstens ein bisschen abzurufen und mich darin zu verlieren. In einem mir zugeschickten Text des Benediktiners Steindl-Rast heißt es: " ...dass ich am wahrhaftigsten ich selbst bin, wenn ich mich vergesse. Wenn ich mich verliere, finde ich mich selbst". Danke für das Zusenden dieser Zeilen.

10. Juli 2026, Tag 37, ein schöner Abschluss

Tag 37: 22 km, 10 hm (geschätzt, denn das Patzerl wird vom Tracker gar nicht angezeigt), maximale Höhe 171 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 3406 km, 17632 hm, 37 Tage(33 Fahrtage), daher: 92(103) km/d, 477(534) hm/d
Offen: 0 km, 4 Tage, 0 km/d
geschafft: 100 Prozent der Strecke in 90 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung gestanden ist.

In "North Pole" ist angeblich der Weihnachtsmann daheim. Da kann man natürlich viel Kitsch rundherum anschauen - und viel Geld ausgeben. Mir reicht es, dass ich das weiß :-). Für die Europäer ist der Weihnachtsmann übrigens in Finnland daheim, am Polarkreis irgendwo in der Nähe von Rovaniemi, da bin ich auch VORBEIgefahren, als ich auf dem Weg zum Nordkap gewesen bin.

Zur Statistik ist zu ergänzen, dass ich hier in Fairbanks auch noch ein paar Kilometer fahren werde - mindestens zum Radshop, um das Fahrrad flugtauglich zu Verpacken.

Heute spielt die Weckmusik am Handy erst um 8:00 - und ich kann tatsächlich so lange schlafen. Um 8:50 gibt es ein überraschend gutes Frühstück, das - auch zu meiner Überraschung - im Preis inbegriffen ist.
Schnell mache ich noch eine Anfrage für einen early-check-in im Hotel in Fairbanks und um 11:00 starte ich vollkommen entspannt, ausgeschlafen und satt - im kalten Alaska wieder nur mit kurzer Hose und Windjacke.
Die Wettergötter sind offensichtlich noch um ein gutes Feedback bemüht und schicken mir Sonnenschein und Rückenwind zum Abschied. Der Highway ist wieder sehr ähnlich zu einer Autobahn, eigentlich schon seit gestern ab der Air Force Basis.
Wegen des starken Verkehrs wähle ich meistens wieder die "right lane" - dem vielen Müll dort muss ich halt ausweichen, damit ich nicht noch am letzten Tag drüberfalle oder einen Patschen picken muss.
Ein Stück kann ich auf einem ziemlich neuen Radweg direkt neben dem Highway fahren.
Und um 12:00 bin ich im schon vor Tagen für 3 Nächte gebuchten "Westmark Fairbanks Hotel and Conference Center" - ein riesiger Komplex mit Restaurant, Bar, Kaffeehaus, ...
Eigentlich ist der Check-In erst um 15:00 möglich und mein Zimmer ist noch nicht fertig, der Rezeptionist aus Kroatien bucht mich - als Quasi-Nachbar - schnell in ein anderes schon freies Zimmer um. Und er macht ein Foto von mir in der Hotel-Lobby.
Es erfolgen die üblichen Routinearbeiten, fast wie an jedem anderen Tag. Bald entscheide ich mich für eine erste Stadtrunde bei angenehmen 25 Grad. Dabei stolpere ich als erstes über "the crepery", einem Kaffeehaus mit einem riesigen Angebot an diversen Palatschinken. Ich sitze dort zum ersten Mal auf meiner Tour in einem Gastgarten, und es fühlt sich fast ein wenig nach Urlaub an.
Weiter geht es über eine der Hauptstraßen und vorbei an einem Monument, das den Ureinwohnern Alaskas Anerkennung zollt. Ein leider geschlossenes hölzernes Kirchlein liegt am Weg und die mit den Fahnen der amerikanischen Staaten (?) geschmückte Brücke führt über den Chena River. Die Flagge Alaskas zeigt übrigens das Sternbild des großen Wagens mit dem Polarstern. Meiner üblichen Einstellung entgegen flaniere ich sogar durch ein paar "gift shops" - auf den meisten Artikeln steht unten aber "Made in China" drauf. Vielleicht schaue ich morgen nocheinmal.
Zum Abendessen setze ich mich in eines der Lokale im Haus, dieses Mal sogar mit Dessert: "Warm Brownie Sundae".
Dabei, vor allem aber schon am Nachmittag in der crepery spüre ich, dass ich "herunterfahre". Eine Mischung aus Entspannung, Müdigkeit und Zufriedenheit kommt langsam über mich. Fairbanks ist schöner, als das in ein paar Gesprächen angekündigt wurde. Aber meine Gefühle resultieren nicht aus der Schönheit des Zieles, sondern daraus, dass ich es erreicht habe. Wie schon festgestellt: Das Bewusstsein des eindrucksvollen Weges dorthin macht das Ziel aus. Das gilt übrigens auch für unser ganzes Leben: Das Ziel ist nicht so prickelnd, wenn man nicht vom Leben danach im 7. Himmel ausgeht.
Wie immer am Ende einer solchen Tour kommt auch riesige Dankbarkeit auf. Es ist nicht selbstverständlich, dass man eine solche Reise mit 66 noch über die Bühne bringt. Und ich glaube, dass es bis jetzt die eindrucksvollste, forderndste und gleichzeitig aber auch die problemloseste Tour war. Vielleicht liegt das daran, dass man mit mehr Erfahrung und mit der Ruhe des Alters mit manchen Situationen besser umgehen kann - aber ich habe dieses Mal auch keine einzige Panne gehabt, war weder körperlich noch mental auch nur annähernd in der Nähe eines Limits und es hat keine wirkliche Stress-Situation gegeben. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ein großer Teil davon an der wirklich guten Vorbereitung in jeder Hinsicht liegt - aber nicht alles hat man selber in der Hand. An der eigenen Gesundheit kann man arbeiten, aber manches ist einem "in die Wiege gelegt" oder der Lebensqualität in unserem Land und in unserer Zeit geschuldet. Und es gibt noch viel mehr, das man nicht beeinflussen kann: Es beginnt mit der Aufmerksamkeit und Fehlerfreiheit der anderen Verkehrsteilnehmer, führt über nicht allzu heftiges Unwetter mitten in der "Pampa" und endet bei den Bären, die halt nicht hungrig sind :-).
Und Apropos Gesundheit: Der Kurerfolg dieser Wochen kann sich auch sehen lassen. Ich bin mit Schnupfen, einem noch vom Unfall lädierten Knie und Genick, einem nicht einwandfrei funktionierenden Sprunggelenk und ein paar Kilo Übergewicht weggefahren. Jetzt tut mir gar nichts mehr weh. Ich frage mich, ob ich noch lebe - denn die Tante Mitzi hat immer gesagt: "Ich bin immer froh, wenn ich in der Früh munter werde und mir was weh tut - dann weiß ich, dass ich noch lebe".

Und die letzte Arbeit des heutigen Tages ist das Hochladen dieser Zeilen und Bilder - und dann geht es zum feierlichen Abschluss des Tages und des gesamten "trips" nochmals in die Bar - um ein Bier, das reicht.

11. Juli 2026, Tag 38

Die heutige Runde zähle ich nicht mehr. Daher gibt es auch keine Gesamt-Statistik. Es waren 24 km und 102 hm.

Um 8:00 gibt es Frühstück, dabei freue ich mich über einige Glückwünsche und beantworte sie.
An der Rezeption kann ich mir den Gutschein für ein Leihauto, wie vom Verleiher gewünscht ausdrucken. Ich werde das Auto am Montag abholen und am Dienstag zurückgeben. Es sollte groß genug sein, um mein Rad unterzubringen. Ich werde damit ein wenig in die Berge fahren und entweder im Auto oder im Zelt schlafen. Der "Mount McKinley" liegt in der Nähe, ist aber zu weit weg, um in der verbleibenden Zeit mit dem Rad dorthin zu fahren.
Ein wenig wird telefoniert und dann starte ich OHNE Gepäck meine heutige Runde. Das Fahrverhalten des Rads ist vollkommen ungewohnt, ich habe die ersten paar Hundert Meter Mühe, das Gleichgewicht zu halten.
Bei 25 Grad genieße ich die 10 Kilometer Radweg, die zu einem großen Teil entlang des Chena River führen. Mein erstes Ziel ist ein Bikestore, das "Bankstown Bike and Ski". Mit denen habe ich schon per Mail über das Verpacken des Rads kommuniziert und heute wird alles schriftlich festgehalten. Das macht glücklicher, als das Ankommen in Fairbanks. Meine gesamte Ausrüstung ist einiges wert, daher ist es wesentlich, sie auch wieder gut nach Hause zu bringen.
Weiter geht es zum "Museum of the North" an der "University of Alaska" - Ein sehr schönes Areal mit architektonisch interessanten Gebäuden. Mein Rad darf ich dort hinter der Kassa stehen lassen und am Klo lege ich museumstaugliche Kleidung an.
Informationen gibt es hier über die Geschichte und die Tier- und Pflanzenwelt Alaskas. Der Film im Planetarium ist gut, aber nicht notwendig.
Nach einer kleinen Jause aus meinen noch immer vorhandenen Vorräten und einem Kaffee fahre ich weiter zum "Morris Thompson Cultural & Visitor Center". Dort wird mein Wissen aus dem Museum noch ein wenig abgerundet, zu einem großen Teil geht es aber auch um die Ehrung des Morris Thompson, ein offensichtlich wichtiger Mann für die Beziehung zwischen den "Dena people" und den "Zuagroasten", zu denen er gehört. Außerderm kann man dort auch viele touristische Informationen über Fairbanks und Alaska erhalten.
Um 16:40 bin ich wieder im Hotel. Kurz entschlossen lasse ich mir noch die Haare schneiden, damit ich bei der Ankunft daheim gut aussehe. Und zum Abendessen gibt es "fish & chips".

12. Juli 2026, Tag 39, Gold

Heute bin ich mit einem Uber gefahren - zählt daher wieder nicht :-)

Frühstück ist wieder erst nach 8:00, und auch heute freue ich mich dabei über einige Mails. Ein Absender erinnert sich bei meiner Reise an den Song "Far Far Away" von Slade - ja, da war ich grad im BORG, als der Song modern war; richtig cool jugendlich. Dass da auch die Berge in Alaska vorkommen, ist mir damals nicht aufgefallen :-)
Draufklicken und Hören: Far Far Away
Im Haus gibt es wieder eine Münzwäscherei - ich nutze sie, dann müsste ich heimkommen können, ohne für die anderen (etwa im Flugzeug) eine Belästigung darzustellen. Die Wartezeit überbrücke ich durch Lesen, Musik und Studium der Wandkarten von Alaska, die hier am Gang hängen. Es gäbe noch einiges zu tun hier ...
Ein Uber bringt mich am Nachmittag zu "Gold Dredge 8", dort mach ich einen auf richtiger Tourist: Zusammen mit ein paar Busladungen von Menschen, die zum Großteil aus meiner Altersgruppe kommen, und ein wenig erschlagen von dieser Dichte an Leuten, geht es mit einem kitschigen Zug durch ein ehemaliges Goldwäscher-Areal. Am Ende darf man dann sein Glück beim Goldwaschen selbst versuchen und den Shop besuchen. Ich war sogar erfolgreich mit meiner Schüssel voll Sand - mit der daraus gewaschen Goldmenge könnte ich aber vermutlich nicht einmal das Taxi bezahlen ...
Die Alaska-Pipeline geht auch durch dieses Areal, also gibt es auch darüber einige Informationen: In der Prudhoe Bay (das ist dort, wo ein paar Radler gestartet sind) ganz im Norden Alaskas gibt es riesige Ölvorkommen, die durch das ganze Land bis zum eisfreien Hafen Valdez über diese Pipeline transportiert werden. Die oberirdischen Teile sind im Zickzack gebaut und besonders gelagert, sodass sie Temperaturschwankungen und Erdbeben überstehen können. Und sie wird mit Wärme aus dem Boden versorgt, damit das Öl auch flüssig genug bleibt.
Abendessen hole ich mir wieder im Haus, dieses Mal muss es endlich ein "Salmon" sein, wo doch Alaska bekannt dafür ist. Und schließlich ist der morgige Tag noch vorzubereiten, vor allem die rechtzeitige Übernahme des Leihwagens, den ich für zwei Tage haben werde.
Ich glaube, dass es die Mail einer in Gedanken Mitreisenden war, die mich heute zum Nachdenken darüber anregt, was ich durch diese Reise gewonnen habe. Ich spüre, dass es sehr viel ist. Ich glaube aber nicht, dass ich es jetzt schon und mit wenigen Sätzen schaffe, das auf den Punkt zu bringen.
Zumindest hoffe ich, das lange in mir spüren zu können, was diese Welt hier für mich ausstrahlt: Unendliche Ruhe und Ausgeglichenheit. Irgendwie geschieht zwar immer was, aber trotzdem bleibt alles, wie es ist.
Ganz selten ist es ein excessives, aufregendes Geschehen. Es läuft keine dramatische Filmmusik im Hintergrund: ein wenig Sonne dann einfach Regen, mal Wind und dann wieder Ruhe, das Zwitschern der Vögel und dann wieder lange Stille, ein friedlich grasender Bär und ein ungestüm nach Nahrung suchendes Erdhörnchen, frisches Grün neben totem und verbranntem Holz, der Geruch des Wassers aus den vielen ruhigen Seen und mächtigen Flüssen, dann wieder eine Nase voll von im Straßengraben verwesenden Tierkadavern, Nebelschwaden und dunkle Wolken, dann wieder Sonnenschein, der kontrastreich die Tiefe und Größe der Landschaft beleuchtet, bei jeder Bewegung meines Körpers einen anderen Einblick vermittelt.
Jeder Augenblick unterscheidet sich vom vorigen, aber jede einzelne Planze jedes Wesen ist nur ein winziger Bestandteil des Ganzen, kaum merkbar findet ein Wechselspiel von Kommen und Gehen statt. Das "große Ganze" ist unbeeindruckt von der Anwesenheit eines einzelnen Lebens, unbeeindruckt von meiner Anwesenheit. Es bleibt, wie es ist. Es ist kraftvoll und groß.

13. Juli 2026, Tag 40; Der Versuch, den Denali zu sehen

Tag 40: 9 km, 5 hm , maximale Höhe 157 m,
Gesamtstrecke: 3415 km, 17637 hm, 40 Tage(34 Fahrtage), wird beim Schnitt nicht mehr eingerechnet

Heute gibt es zwei Routen:
Die erste bin ich mit dem Rad gefahren, mit dem ganzen Gepäck vom Hotel zum Autoverleih am Flughafen - sie bringt mich ein Sück näher an daheim, ist daher auch bei der Gesamtroute (kaum merklich) dabei.
Die zweite ist mit dem Auto zurückgelegt, dient also nur der "Information".

Um 6:00 ist Tagwache, um 6:30 Frühstück. Ich freue mich auf das kleine Stückerl, das ich bis zum Autoverleih mit dem Rad fahren kann (ich hätte auch einen Uber oder ein Taxi nehmen können).
Planmäßig starte ich um 8:00, denn das Auto ist für 9:00 bestellt, online bei Alamo. Der Weg führt ein Stück durch Wohngebiet mit den mehr oder weniger schönen typischen Holzhäuschen.
Die Übergabe des Leihwagens geht schnell: Meine Daten habe ich schon hochgeladen, ich zeige den Führerschein und den Pass her, unterschreibe, bekomme die Schlüssel und die Information, wo das Auto steht. Das wars.
Ein wenig kämpfe ich mit den Rücksitzen, um das Rad reinzubekommen - letztlich ist es aber ganz einfach, ich habe extra einen mit 3 Sitzreihen genommen. Nach dem Beladen kämpfe ich noch ein wenig mit der Elektronik - ich glaube, da ist alles am momentanen Stand der Technik. Er lenkt auch selber - ermahnt mich aber, dass ich die Hände wieder ans Lenkrad geben soll. Bald habe ich auch mein Handy integriert und die Navigation von GoogleMaps und meine Musik am Display :-)
Am Flughafen finde ich ein Klo zum Umziehen und um 9:50 starte ich Richtung Nenana. Dort bin ich um 11:15. Ein kurzer Bummel durch das kleine Dorf zeigt, dass es hier noch sehr ursprünglich ist - aber die Busse sind schon da. Ich stocke meine Essensvorräte ein wenig auf.
Irgendwann fülle ich den Tank nach und kann endlich eine Elchkuh fotografieren, die gemächlich über die Straße stolziert.
Landschaft, Gesteinsfarben und Bewuchs sind wieder ein bisschen anders - es ist aber nach wie vor alles groß, weit und unberührt. Nur das Fotografieren ist schwieriger und daher seltener. Mit dem Rad kann man leichter stehen bleiben.
Im Denali Visitor Center hole ich mir erste Informationen und beschließe, noch bis zum "South View" auf den Denali (Mt McKinley) weiterzufahren (160 km). Dort aber regnet es - ich kann nur aufgrund der Anzeigetafeln erahnen, wo der weiße 6000er sein sollte.
Ich checke die Wettervorhersage und muss leider einsehen, dass ein Übernachten hier irgendwo sinnlos ist - morgen ist es noch schlimmer. Also drehe ich um und erreiche spät am Abend den "Riley Creek Campground" beim Denali Visitor Center, wo ich schon vor Tagen ein Plätzchen für Zelt und Auto gebucht habe. Eingecheckt ist schnell - genauso schnell, wie die Entscheidung, dass das Rad raus kommt und ich auf der Ladefläche mit Unterlagsmatte und Schlafsack im Auto schlafe. Der Boden ist zu hart, zu buckelig und wurzelig, um darauf das Zelt einfach aufstellen zu können.
Wahrscheinlich wird das Wetter morgen auch hier kein Traum, vielleicht kann ich aber wenigstens einen kurzen Laufschuhgeeigneten Trail gehen. Richtige Bergausrüstung habe ich sowieso nicht mit.

14. Juli 2026, Tag 41, Wanderung im Denali Nationalpark

Heute gibt es sogar 3 Routen, ein Triathlon also ;-):
Die erste sollte den "Savage Alpine Trail" darstellen - da meine "ape map" bei der Aufzeichnung aber versagt hat, sieht man nur den Straßenhatscher zurück zum Ausgangspunkt, an dem das Auto steht. Der Trail selbst ist aber in der Google Map dargestellt. Man sieht ihn als grün strichlierte Linie, wenn man ein wenig zoomt. Insgesamt bin ich etwa 10 km und 400 hm gegangen.
Die zweite Route ist die Rückfahrt zum Autoverleih, mit Tankstopp und ohne die Anreise vom Campingplatz. Es waren insgesamt etwa 240 km.
Und die "Königsetappe" kommt zum Schluss: 4 km Rad vom Autoverleih zum Motel.

Ich kann gut und lange schlafen. Nach den Aufräum- und Vorbereitungsarbeiten gibt es als erstes einen Kaffee aus dem Store des Campgrounds. Der Rest des Frühstücks stammt aus den Vorräten. Es ist alles sauteuer hier, Nationalparkpreise halt, wie daheim. Das Billigste ist der Eintritt in den Park - er kostet 15 Dollar. Gegessen wird im Auto, dort ist es halbwegs warm.
Ich flaniere noch ein wenig im Visitor Center, schau mir die kleine Ausstellung an und hole mir Informationen über den geplanten Wanderweg. Und nach einem Kurzbesuch im Wirtshaus setze ich mich ins Auto und fahre auf der Park Road bis zum Einstiegspunkt (Ab hier ist die Straße für den öffentlichen Verkehr zu Ende. Mit dem Rad dürfte man noch weiter; weit mehr als 100 km; mit vielen Höhenmetern).
Um 10:50 gehe ich weg, vorschriftsmäßig mit dem Bärenspray am Brustgurt. Das Wetter zeigt sich trocken und stark bewölkt, der Wind bläst mich an den ausgesetzten Stellen fast um. Am höchsten Punkt sollte man einen Blick auf den Denali haben, zusammen mit den anderen Wanderern bilde ich mir ein, ihn zwischen den Wolken zu sehen. Irgendeine Lady macht ein Foto von mir und dem im Hintergrund vermuteten höchsten Berg Amerikas. Mein "Trail-Laufschuhe" sind optimal für den Trail.
Um 13:05 beginnt der Weg zurück auf der Straße. Es gäbe zwar kostenlose Shuttle-Busse, das Warten darauf dauert mir aber zu lang. Um 14:00 sitze ich wieder im Auto und mache mich auf den "Heimweg", den ich in Nenana für eine kurze Jause (wieder aus den Vorräten) und bei "Fred Meyer" in Fairbanks zum Tanken unterbreche (Das Auto ist wieder vollgetankt zurückzugeben).
Um 18:00 ist die Rückgabe des Autos schnell und reibungslos erledigt und um 18:50 bin ich am Zimmer des "Golden North Inn". Ich habe es für 2 Nächte gebucht. Nachdem der Flug am Donnerstag sehr früh am Morgen startet, sind es eigentlich nur eineinhalb.
Ein Lokal zum Abendessen ist schnell gefunden und der Rest des Tages ist die übliche Routine.

Das will jemand Futter, aber es heißt überall: don't feed "wild" animals

15. Juli 2026, Tag 42, boxing up the bike, preparing for flying home

Die Route führt vom Motel zum "bankstown bike and ski", 5 km, leichter Regen, aber keine volle Montur wegen der paar Kilometer.

Im Motel wird ein süßes Frühstück angeboten, in der Not ... Aber es ist ein Apfel dabei, und Kaffee in beliebiger Menge!
Das Einchecken für die morgigen Flüge funktioniert erst nach einem kurzen Mailverkehr mit Ruefa. Die Boarding-Card kann ich aber trotzdem erst morgen bekommen. Ich muss vorher am Flughafen meinen Pass vorweisen, sagt mir die App von Alaska Airlines.
Rasch ist das Rad bepackt und um 10:10 starte ich zu "bankstown bike and ski". Dort wechsle ich Kleidung und Schuhe und darf bei den ersten Handgriffen bei der Zerlegung des Rads helfen. Insbesondere den Gepäcksträger baue ich selbst ab - das ist zwar einfach, man muss das System aber kennen.
Dann schicken Sie mich aber ins gegenüberliegende Kaffeehaus. Eine Stunde später ist alles - wie vereinbart - fertig. Das Rad ist in mehrer Teile zerlegt und geschützt eingepackt in der Box. Gemeinsam geben wir noch meine Taschen, den Helm und die Schuhe dazu, dann wird die Box mit Klebeband verschlossen. Nicht zu intensiv, denn die werden es sicher am Flughafen nochmal aufschneiden zur Kontrolle.
Ich bestelle mir einen UberXL, der 4 Minuten später da ist. Und weitere 15 Minuten später bin ich mit meiner Box im Zimmer des Motels und verfalle dort - wo jetzt alles erledigt ist - total relaxed in ein Mittagsschläfchen, ganz entgegen meinen Gewohnheiten.
Mit Körperpflege und ein paar organisatorischen Kleinigkeiten vertreibe ich mir die Zeit, dann sichere ich mir den vom Motel gratis angebotenen Transfer zum Flughafen für morgen um 3:30 - der Flug geht um 5:31 (15:31 daheim)
Beim "Fred Meyer" (der Name dieser Supermarktkette gefällt mir) gibt es einen "Starbucks". Die haben dort meinen heißgeliebten "banana loaf" und natürlich Kaffee.
Außerdem besorge ich mir ein Klebeband, damit ich morgen nach der Kontrolle den Karton wieder verschließen kann; und ein Bier, damit ich besser schlafe. Ein bisserl gespannt bin ich doch noch, ob am Flughafen alles klappt. Aber ich denke, raus aus den USA ist einfacher, als rein. Diesmal bin ich halt über eine Landgrenze eingereist und da ist alles lockerer, als am Flughafen. Lustiges Detail: Seit ich in den USA bin, muss ich beim Kauf eines Biers im Supermarkt meinen Pass herzeigen.
Auch im Lokal ist es anders, als bei uns: Das Essen darf ich bei einer jungen Kellnerin bestellen, das Bier dazu nur bei einer alten. Auch serviert wird getrennt. Ich mache mich heute viel früher als die letzten Tage auf den Weg zum Abendessen. Langsam sollte ich ja wieder in der mitteleuropäischen Zeitzone ankommen. Bin schon neugierig, wie lange es dauert, bis mein Biorhythmus auch wieder daheim ist.

16. Juli 2026, Tag 43, Heimreise - Tag1

Um 03:00 ist heute Tagwache, draußen ist es die ganze Nacht hell. Die üblichen Dehnungsübungen helfen beim Aufwachen und um 03:30 wird pünklich und extra für mich zum Flughafen gefahren.
Der Flughafen ist überschaubar, sofort habe ich den richtigen Schalter und nach der Passkontrolle dort bekomme ich einen Boarding Pass aus Papier. Meine Daten sind angekommen.
Auch mein Fahrrad wird dort gewogen und eingecheckt - gegen Bezahlung natürlich. Abgeben muss ich es wie immer beim Oversize Luggage und abholen erst in Wien - wenn es immer richtig verladen wird.
Auch durch den Security Check geht es sehr rasch, sodass ich mich um 04:15 entspannt in einen Sessel fallen lassen und mein Frühstück (die letzten Vorräte) zu mir nehmen kann.
Die Tasche mit der Campingausrüstung hat in der Radbox keinen Platz mehr gefunden, ich nehme sie also als zweites Gepäcksstück zum Handgepäck. Und wenn die Wartezeiten zu groß sind, dann kann ich in den riesigen Hallen eines Flugplatzes mein Zelt aufstellen :-).
Der erste Flug von Fairbanks nach Seattle gibt einen wunderbaren Blick auf den Denali-Gipfel frei und ein wenig später auf die ganze dem Pazifik vorgelagerte Alaska-Kette. Der Blick von oben ist vielleicht noch schöner als der "von der Seite".
Fast beleidigend und gleichzeitig faszinierend ist, dass das Flugzeug in dreieinhalb Stunden praktisch wieder dort ist, wo ich vor 6 Wochen mit dem Rad gestartet bin. Der Erlebniswert ist allerdings direkt proportional zur Zeit. Neu für mich ist, dass im Flugzeug der Alaska Airline WLAN angeboten wird, nämlich gratis und mit vollem Internet-Zugang, wenn man eine amerikanische T-Mobile-Telefonnummer hat. Die gebe ich ein und es funktioniert. Die Luftbilder von den Bergen Alaskas kann ich daher sofort nach Hause schicken. Und außerdem wird dadurch der Check-In für die Anschlussflüge in aller Ruhe möglich und ich kann die zugehörigen Bordkarten erhalten.
Während des Flugs, beim Hören von passender Musik über meine Kopfhörer kommt zum ersten Mal richtiges Sieger- und Glücksgefühl auf: Ich habe es tatsächlich geschafft - mit 66 Jahren, da fämgt das Leben an ...
Je näher die Heimat kommt, desto größer wird die Freude. So etwa muss es sich anfühlen, wenn man mit einer Olympiamedaillie auf dem Heimweg ist - ich bringe meinen Sieg jetzt heim.
Nach der Landung steht das Flugzeug etwa eine Stunde am Flughafen in Seattle in einer Warteposition, bis es endlich zum Gate darf und das Aussteigen möglich ist.
Und während ich hier am Flughafen sitze und diese Zeilen schreibe, bekomme ich eine Mail mit der Nachricht, dass der Anschlussflug nach Frankfurt auch um eine Stunde später als geplant startet. Nachdem die Landung angeblich nur 20 Minuten später erfolgt, sollte sich das mit dem Umsteigen nach Wien trotzdem ausgehen. Hoffentlich - sonst muss ich halt wirklich das Zelt auspacken.
Zumindest im Kopf stelle ich schon langsam auf Mitteleuropäische Zeit um, dort ist es jetzt etwa 23 Uhr, der 16. Juli also eigentlich zu Ende. Daher beende auch ich den Tagebuch-Eintrag für diesen Tag. Wahrscheinlich melde ich mich morgen ein letztes Mal vom Frühstück in Frankfurt - oder am Abend daheim.

17. Juli 2026, Tag 44, wieder daheim!

Die Zählung der Tage habe ich mit dem ersten Radfahrtag begonnen, der Flugtag nach Vancouver ist daher nicht dabei. Unterwegs bin ich also insgesamt 45 Tage gewesen.

Der Flug von Seattle nach Frankfurt ist einfach ein Langstreckenflug. Irgendwann kann man nicht mehr sitzen, das Sudoku macht keinen Spaß mehr und Filme hab ich noch nie wirklich gute gefunden. Es gibt ein wenig zu essen, ich versuche immer wieder zu schlafen, höre ein wenig Musik und bastle an diesen Zeilen.
Aus dem geplanten ruhigen Frühstück in Frankfurt wird nichts - Die Landung erfolgt viel zu spät und ich habe zu tun, dass ich durch die Passkontrolle (Einreise in die EU) rechtzeitig zu meinem Anschlussflug nach Wien komme. Aber schließlich startet auch der Flug zu spät.
Am Flughafen Wien geht alles sehr schnell: Die kanadischen Dollars tausche ich an der Wechselstube schnell gegen Euren, damit ich eine Münze für einen Gepäckwagen habe. Auf mein Rad warte ich keine 10 Minuten, und dann werde ich von einer Abordnung der Familie in Empfang genommen - es ist schön, sie wieder in die Arme nehmen zu können. Und daheim freue ich mich über eine Willkommenstafel.
Begonnen hat meine Rückreise am 16. Juli um 3:00, da ist es daheim 13:00 gewesen. In Wien gelandet bin ich heute, am 17. Juli um 12:35 (plan). Ich bin also insgesamt etwa 24 Stunden unterwegs gewesen, also etwas geschlaucht. Nicht zuletzt deswegen werde ich jetzt nicht versuchen, kluge Abschlussworte zu finden. Das geht nimmer! Ich bin dankbar, wieder gesund daheim zu sein und verabschiede und bedanke mich bei allen, die mitgelesen haben - es war motivierend, euch zu spüren.
Nachtrag: Ich bin dauernd am Essen, ich habe 6 kg abgenommen.